10 Jun 2010 / Friedemann Ebelt

PR mit Knopfaugen

In Wien gibt es seit mehreren Jahren eine kritische Kampagne gegen das Markenzeichen der Julius Meinl AG. Die Initiative “Mein Julius” hat das Logo der Traditionsfirma in ein Protestzeichen umgewandelt und damit adbusting betrieben:

Mein Julius„Mein Julius hat keine Lust mehr auf ein dienstbotenartig gesenktes Haupt. Er geht, wann er will. Und wohin er will. Wenn er nicht will, bleibt er. Sein Leben ist kein Schicksal, und er nimmt es selbst in die Hand. Wie die Bilder, die in der Öffentlichkeit von ihm existieren. Rassistische Klischees haben im öffentlichen Raum nichts verloren, egal ob es dabei um verhetzende Beschmierungen auf Hauswänden oder um das “traditionsreiche” Logo einer Kolonialwarenhandlung geht.“ (Quelle)


Der Dokumentarfilm Here to Stay – Rassismus in Österreich von Markus Wailand (ORF-Ausstrahlung auf Youtube) beschäftigt sich unter anderem genau mit dieser Kampagne. Ob rassistische Sprüche an einer Wand, nach der Hautfarbe urteilende Türsteher oder plakative Werbebilder – Rassismen liegt oft eine extrem oberflächliche visuelle Verurteilung zu Grunde. ‘Auf den ersten Blick’ wird das Aussehen eines Menschen erfasst, bewertet und beurteilt. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf fiel mir eine Werbetafel in Berlin auf…

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10 Apr 2010 / Oliver Müller

Bildkonjunkturen Teil II oder Eine Replik auf „das Leiden anderer betrachten“

Das fliegende Auge

Das Fliegende Auge (1983) Trailer

[Braddock and Murphy have watched Blue Thunder perform a selective firepower demonstration]
Icelan: Well, look at that, all the red dummies are blown to hell.
Frank Murphy: And a few white ones!
Fletcher: One civilian dead for every ten terrorists. That’s an acceptable ratio.
Frank Murphy
: [Leaning closer to Braddock] Unless you’re one of the civilians!

Die oben zitierte Passage stammt aus dem Film Blue Thunder, aus dem Jahre 1983 und ist den deutschen Lesern wohl eher unter dem Titel: “Das fliegende Auge” (ein für unser Anliegen bemerkenswert, konsistenter Titel) bekannt. Die Szene aus der dieses Zitat stammt, zeigt einerseits den High-Tech Kampfhubschrauber „Blue Thunder“ wie er fachgerecht einen Schießplatz mit menschlichen Attrappen, mit Hilfe seiner Bordkanone ohne viel Mühe, in tausend Teile dividiert. Dies geht scheinbar ohne große Rücksicht darüber von statten, ob es sich bei den verschieden, farbig markierten Attrappen um imaginäre Opfer oder Täter handelt. Die hochgerüstete Maschine mit ihrer gewaltigen Bewaffnung ist trotz feinster Boardelektronik  und Überwachungstechnologie inklusive eines eigens dafür ausgebildeten Piloten, scheinbar nicht dazu gemacht worden, den „feinen Unterschied“ erkennen zu sollen. Die Actionsequenz wird goutiert von einer Personengruppe, scheinbar hochrangiger Vertreter von Militär und Sicherheitsinstitutionen postiert auf einer Zuschauertribüne. Sie scheinen durchaus beeindruckt von der Durchschlagskraft dieser „Wunderwaffe“ und die finale Replik des Protagonisten Frank Murphy (Roy Scheider): „Unless you’re one of the civilians!“, kann eher als sarkastischer Kommentar der indirekten Bewunderung, denn als wirklich ernst gemeinte Kritik an dem Gesehenen gewertet werden. Der Film, ein Mix aus Science Fiction (wissenschaftlicher Fiktion) und Actionthriller mit Roy Scheider in der Hauptrolle, soll genutzt werden als Ausgangspunkt, für eine Replik auf den Beitrag von Friedemann Ebelt „das Leiden anderer betrachten: „Come on, let us shoot!“. Gleichzeitig soll hiermit auch die Fortführung der Kolumne „Bildkonjunkturen – Auf den Schnellstraßen des Ikonischen“ voran getrieben werden. weiter lesen…

7 Apr 2010 / Friedemann Ebelt

Das Leiden anderer betrachten: „Come on, let us shoot!“

http://www.collateralmurder.com/

Amy Goodman im Gespräch mit Julian Assange

Es ist perfide über diese Aufnahmen zu schreiben, weil die Gefahr groß ist, diese grausamen Bilder falsch zu interpretieren, voreilige Urteile zu fällen und pauschale Feindbilder zu erschaffen. Jedes Kommentieren der Bilder ist gewollt oder ungewollt ein Beitrag zu einer medialen Unterhaltung, in der ‘Krieg’ und ‘Mord’ Schlagworte sind, die Erfolg in einer Aufmerksamkeitsökonomie versprechen.

Nichts ist bequemer und moralisch befriedigender, als eine kontroverse politische oder wissenschaftliche Diskussion über dieses Material aus sicherer Entfernung zu führen. Ein Einklinken in das kurzfristige Aufmerksamkeitshoch, das von der politischen Brisanz und menschlichen Grausamkeit der Aufnahmen genährt wird, widerspricht einer kritischen und vor allem selbstkritischen Auseinandersetzung mit Schuld im Krieg. Dennoch müssen Geistes- und Sozialwissenschaften zu dieser Diskussion etwas sagen, weil in ihr die Haltung der Gesellschaft zu Gewalt, Krieg und Militär ausgehandelt wird. Es geht darum zu verhindern, dass Gewalt, egal von wem sie ausgeht, als Konfliktlösung interpretiert und gerechtfertigt wird.

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5 Apr 2010 / Friedemann Ebelt

Claude Levi-Strauss Comic

Jovan Maud von Culture Matters lobt den Claude Levi-Strauss Comic als „[the] most excellent tribute to Claude Levi-Strauss“.

Die MacherInnen sind Apostolos Doxiadis, Alecos Papadatos und Annie Di Donna, die in Logicomix Bertrand Russel auf die Suche nach dem logischen Fundamenten der Mathematik schicken. Bemerkenswert: der Mathematik-Grundlagen Comic ist: „The New York Times #1 Bestselling Graphic Novel!“

Im Cartoon gelingt es der Redaktion nicht, nicht strukturalistisch zu denken und wie könnte die geistige Wirkungsmächtigkeit von Strauss besser eingefangen werden, als mit einem Schnappschuss-Portrait eines Redakteurs, der es versucht und daran scheitert? Der Comic endet sinngemäß mit:“intellektueller Fortschritt ist nicht der Stein, der ins Wasser geworfen wird, sondern es sind die Wellen, die er erzeugt“.

Jetzt geht es nicht anders als die Frage aufzuwerfen, ob Comics ein angemessener Weg sind, um ethnologisches Denken aus Bibliotheken zu befreien und Wellen im Alltag schlagen zu lassen?

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31 Mrz 2010 / Anne Scheschonk

Sündenbock Jugendamt?! – Ein Kommentar

Am vergangenen Samstag starb im oberpfälzischen Tischenreuth ein zweijähriges Mädchen in der Obhut ihrer allein erziehenden Mutter. Die kleine Lea litt an verschiedenen Krankheiten und hatte wahrscheinlich deshalb die Nahrung verweigert. Ein Arztbesuch hätte sie retten können, ihre Mutter ergriff jedoch nicht die Initiative. Das Mädchen verhungerte. Die 21-jährige Frau wurde festgenommen und ein Verfahren wegen Totschlags durch Unterlassen gegen sie eingeleitet.

Fälle von Kindstötungen und Vernachlässigungen mit Todesfolge traten in der Vergangenheit immer wieder auf. Sie lösen in der Öffentlichkeit emotional stark aufgeladene Diskussionen über die möglichen Gründe und wie sie zu verhindern gewesen wären aus. Dabei geraten vor allem die unterstützenden Hilfesysteme für so genannte „Problemfamilien“ oder „Risikoeltern“ in den Fokus der Kritik. Stimmen werden laut: Warum werden diese Familien nicht mehr kontrolliert? Wer ist schlussendlich verantwortlich für den Tod von Kindern wie Lea? Die Schuldigen scheinen schnell ausgemacht zu sein: eine zu junge, überforderte Mutter; Jugendamtsmitarbeiter, die den Aufforderungen einer Nachbarin nicht nachkamen, die Familienverhältnisse im Hinblick auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung zu klären. Und obwohl das zuständige Jugendamt mittlerweile Versäumnisse und somit eine Mitverantwortung am Tod des Mädchens eingeräumt hat, kratzen die Erklärungsversuche nur an der Oberfläche eines tiefer liegenden Problems – in der Regel sind die Hintergründe dieser tragischen Fälle von Kindesvernachlässigungen komplexer und müssen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. weiter lesen…

15 Feb 2010 / Norman Schräpel

Die neuen Intellektuellen –> Blogger

Der (öffentliche) Intellektualismus ist tot! Warum? Die Postmoderne hat ihn zerstört. Seitdem es für alle Fragen scheinbar unzählige Antworten gibt und alle irgendwie stimmen glauben wir niemanden mehr der Universalien predigt. Doch halt! Es gibt ja doch noch welche. Wer sind eigentlich die vielen Experten in den Nachrichten? Ihre Namen werden zumeist von irgendeinenem-zum-teil-recht-irrsinnigen Expertenstatus begleitet: da gibt es Experten für Schneekatastrophen oder Tiernahrung. Alle haben sie etwas zu sagen und ihnen wird auch das Wort erteilt. Sie kommentieren Nachrichten, geben scheinbar wichtige Hintergrundinformationen doch wiederholen zumeist genau die Aussagen die sowieso schon jeder kennt. Nein, dass sind nicht die neuen Intellektuellen. Vielmehr sind sie ein Beispiel warum der in Deutschland so lang gepflegt Intellektualismus zu Grabe gelegt wurde. In einem Artikel des holländischen Wissenschafts- und Technikforscher Wiebe Bijker wird also richtigerweise nach neuen Intellektuellen gefragt. Bijker sieht diese Rolle innerhalb seiner Disziplin und kann auch ein durchaus nachvollziehbares Argument machen. weiter lesen…

13 Feb 2010 / Oliver Müller

Bildkonjunkturen – Unterwegs auf den Schnellstraßen des Ikonischen (Teil I)

Manchmal lohnt es sich doch ein wenig genauer hinzuschauen. Bilder haben Konjunktur, Bilder repräsentieren Konjunkturen, Bilder sind Repräsentanten ideologisch, politischer Konjunkturen. Sie lassen sich mobilisieren und auf Reisen schicken an Orte an denen sie Sogwirkungen und Spiralen, manchmal infernalische Strudel auslösen können, die eine Gesellschaft an den Rand ihrer funktionalen Ordnungen zu bringen drohen. Der Karikaturenstreit bleibt in aller Munde, ein Indiz dafür, dass die Bilder etwas anrichten, wenn sie zum darüber Reden und vor allem zum Handeln animieren. In den westlichen Gesellschaften argumentieren wir gerne mit dem obersten Gebot der Presse- und Meinungsfreiheit und vergessen dabei scheinbar im Kollektiv den Umstand, dass eine gesellschaftlich, institutionalisierte und in die Welt getragene Meinungsfreiheit auch immer deren heimische Weltanschauung und Moralvorstellung transportiert. Es geht hierbei nicht darum, die wertvollen weil mit nichts aufzuwiegenden Potentiale von Minderheitsmeinungen in Abrede stellen zu wollen. Vielmehr ist zu betonen, dass westliche Medienindustrien und Bilderdistribuierungsinstanzen, Presse- und Meinungsfreiheit hin oder her, vornehmlich gern ein exklusives Package von Mehrheitsmeinungen und Bildern mit kleinem Umfang in Umlauf bringen und fluktuieren lassen. weiter lesen…

25 Jan 2010 / Friedemann Ebelt

Die Show vor dem Körperscanner. Warum Scannen und nicht Ausziehen?

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Beim Körperscannen treten die Reisenden vor eine Kamera. Die Scankamera verwandelt sie zu Schauspielern. Das Sicherheitspersonal und Hinweisschilder zeigen, welche Posen eingenommen werden müssen, damit der Scan sichtbar macht, was Terroristen verbergen wollen.

Diese Regieanweisungen führen dazu, dass in dem Scanner immer und immer wieder die selben Szenen von verschiedenen Menschen gespielt werden. Kann eine falsche Pose verräterisch sein?

Es sind verschieden Bilder, die beim Fotoshooting der Generation optische Aufklärung gemacht werden. Die letzte Gerätegeneration kann gestochen scharfe dreidimensionale Darstellungen des nackten Körpers erzeugen, wenn ein Mensch vor der Kamera vorbeiläuft.

Die Kamera sieht den Körper, der Körper sieht die Kamera nicht. Wer sieht die Bilder und wo befindet sich das Publikum, für das diese Aufnahmen gemacht werden?

In der ersten Zuschauerreihe sitzt das Sicherheitspersonal am Flughafen und bestaunt die Show auf einem Bildschirm als Liveübertragung. Wenn diese mit einem IPhone abfotografiert wird, kann das Scanbild als Video seine Internet-Karriere auf Youtube beginnen. Wird dieses Bild an eine elektornisch Personalakte angehängt, wie in Deutschland der ELENA Dateien, wird das Bild in Zukunft die Biografie des Körpers bestimmten, der vor der Kamera vorbeilief. weiter lesen…

10 Jan 2010 / Norman Schräpel

Scanne mich, denn es ist hübsch! – Über Nacktscanner

Wir leben in einer Welt voller Bilder. Zugegeben das ist keine neue Aussage und sie ist noch nicht einmal besonders aufregend. Und doch kann sie helfen um die aktuelle Diskussion um Nacktscanner um einige Punkte zu erweitern.

Irgendwann Anfang der 1990er Jahre wurde in den Sozialwissenschaften die ikonische Wende ausgerufen (pictorial turn). Diese Wende weißt auf das Aufkommen einer visuellen Kultur hin, die immer wieder mit der Entwicklung bildgebender Technologien (Foto, Film, Röntgenaufnahmen) historisch skizziert wird. Visualisierungen durchdringen heute beinahe jeden Bereich von Gesellschaft. Längst haben wir gelernt Bilder im Alltag auf eine bestimmte Weise zu lesen. Wird der Begriff auf alle Visualisierungsformen erweitert, also auch auf Diagramme, Karten, Symbole oder Modelle bemerken wir schnell, dass Bilder eine große Menge an Wissen in unseren Alltag tragen. In der Werbung wird dies gegen uns angewendet. Längst weiß man dort welche Wirkung Visualisierungen auf Wahrnehmung und Wissenstransfer haben. Aber auch der Erfolg von Webseiten wie youtube oder flickr lassen erahnen wie wichtig die Wissenskommunikation über Bilder geworden ist. Freilich hat dieser Prozess verschiedene Auswirkungen auf unsere soziale Praxis. In der Medizin wendet sich der ärztliche Blick vom Körper der Patienten auf die Monitore, wir entdecken unbekannte und ferne Plätze durch Reportagen und Bilder im Fernsehen und wir produzieren eben auch Geräte die angeblich zu unseren eigenen Sicherheit durch unsere Kleidung sehen kann. weiter lesen…

8 Jan 2010 / Norman Schräpel

‘Geocultural’ Literatur und andere Szenarien über die Welt

Am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle finden in regelmäßigen Abständen Konferenzen und Vorträge statt. Der erste Vortrag in diesem Jahr wurde von dem schwedischen Ethnologen Ulf Hannerz gehalten. Unter dem Titel Images of the World, Now and Next: global scenarios as texts and transnational cultural phenomena stellte er eine Reihe von Büchern (oder vielmehr eine Textgattung) vor, in denen (ethnologische) Themen scheinbar populistisch diskutiert werden. Hannerz versuchte zu zeigen, dass zumeist im englischsprachigen Raum immer wieder Werke in den „Buchläden der Flughafen“ liegen, die im politisch-rechten Spektrum eine fragliche Sicht auf die unterschiedlichsten Themen wie kulturelle Vielfalt (Huntington) oder die politische Rolle der USA (Joffe) haben. Vor allem aber, werden in diesen Texten globale Zukunftsszenarien geschaffen, was Hannerz dazu veranlasst diese Bücher als „geocultural“ Literatur zu bezeichnen. weiter lesen…