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12 Dez 2011 / David Johannes Berchem

Buchbesprechung: Stefan Rickmeyer: Nach Europa via Tanger. Eine Ethnographie

Mit seiner von Bernd-Jürgen Warneken betreuten Magisterarbeit hat der Absolvent der Tübinger Schule der Empirischen Kulturwissenschaft[1], Stefan Rickmeyer, eine materialgesättigte und schlüssig strukturierte empirische Studie über illegale afrikanische Immigranten vorgelegt, die über die im „Haupttransitland“ (S.8) Marokko gelegene Hafenstadt Tanger und auf unterschiedlichen Migrationsrouten Versuche unternehmen, sich Einlass in die Fortress Europe zu verschaffen, um an den Vorzügen des Abendlandes – Wohlstand, Menschenrechte und Sicherheit – zu partizipieren. Jedoch habe das „Migrationsmanagement“ (S. 10) der Europäischen Union gerade an diesen marginalen Außenposten und geopolitischen Schlupflöchern ein rigides, auf bilateralen Übereinkünften zwischen dem Westen und den maghrebinischen Staaten gründendes System der Abschottung installiert, dessen Kontroll- und Diskriminierungsinstanzen die vergleichsweise wirtschaftlich gut betuchten Länder des Nordens vor den Flüchtlingen, Boatpeople, Sans Papiers und Displaced Persons der Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt beschützen sollen.

Aus theoretischer Perspektive argumentiert Rickmeyer mit den drei Grundsäulen „Globalisierung von unten“, „Transnationalismus“ und „globale ethnische Räume“, die in der Kulturanthropologie und Europäischen Ethnologie in erster Linie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Arjun Appadurai, Ulf Hannerz und Nina Glick-Schiller Konkretisierungen erfahren haben. Entrechtete und stigmatisierte Migranten, hier verstanden als die wohl einflussreichsten Agenten der so genannten „Graswurzelglobalisierung“[2], seien gegenwärtig aufgrund von innovativen Computer- und Kommunikationstechnologien in der Lage, gleichzeitig an mehreren Lebenswirklichkeiten teilzunehmen. Dynamische Praxisformen der Enträumlichung machen es laut dem Autor möglich, eine „unabsehbare Menge möglicher Lebensvorstellungen“ (S. 16) mittels einer identitätsstiftenden Imaginationsleistung Wirklichkeit werden zu lassen, so dass für das Gros der afrikanischen Migranten die mythologisch überhöhte, idealisierte und fiktionalisierte Metapher Europa – einem Kontinent, in dem vorgeblich Mich und Honig fließe – zu einem unhinterfragten Eldorado avanciert, in dem eine verheißungsvolle Zukunft bevorstehe.

Während der Lektüre fällt mit auffallender Regelmäßigkeit ins Auge, dass der Autor seinem mehrwöchigen Aufenthalt im Untersuchungsfeld gesondert Aufmerksamkeit schenkt. Innerhalb der akademischen Zunft der professional strangers[3gilt die stationäre und erfahrungsintensive ethnographische Feldforschung als ein mit Abenteuern verbundenes Wagnis, eine persönlichkeitsbildende Bewährungsprobe sowie ein Initiationsritual, das nur selten ohne das Vergießen von Blut, Schweiß und Tränen zu realisieren ist. Erfrischend detailgetreu berichtet der Verfasser von seinen Erlebnissen in der nordafrikanischen Metropole und nimmt die Subjektivität des Feldforschers, der nicht selten in Drücker- und Klinkenputzermanier seine mit kulturellen Kompetenzen ausgestatteten Gewährsleute von seinem Projekt zu überzeugen hat, in den Fokus seiner Betrachtungen. Der Autor betont des Weiteren ungeschönt die Schwierigkeiten bei der Kontakt- und Kommunikationsaufnahme mit seinen Schlüsselinformanten (S. 35), berichtet von den die Forschung vorantreibenden Schwellenerlebnissen mit den so genannten gatekeepers und dokumentiert plastisch den Prozesscharakter einer auf kontraintuitiv generierten Erkenntnissen aufbauenden Ethnographie.

Das von Rickmeyer zum Einsatz gebrachte methodische Rüstzeug zur sinnverstehenden Durchdringung alltäglicher Lebenszusammenhänge der „Migrationswilligen“ (S. 37) erstreckt sich von der teilnehmenden Beobachtung über leitfadengestützte Expertengespräche bis hin zum protokollartigen Transformieren des sinnlich Wahrgenommenen in fieldnotes[4]. Direkte Kulturerfahrung „aus erster Hand“ (S. 54), zwischenmenschliche Interaktionen, mikroskopische Nuancenerfassung und das empathiegeleitete Lesen kulturell inskribierter Handlungszusammenhänge zählen zu den Stärken dieser Studie.

Im Hauptteil des Buches werden die Wanderer zwischen den Kontinenten in drei Gruppen kategorisiert: Schwarzafrikaner mit ungeahnten finanziellen Kapazitäten, vergleichsweise wohlhabende, mit Deutschen verheiratete Nordafrikaner sowie mittellose, aus den Slumvierteln von Casablanca stammende Marokkaner. Deren sozioökonomische Grundvoraussetzungen sind laut Rickmeyer genauso verschieden wie ihre Fluchtrouten und ihre kognitiv konstruierten Bilder vom „Paradies Europa“. Was diese vorwiegend jungen Männer verbindet, sind die Motivationen bzw. Beweggründe (Push-Faktoren), die sie dazu veranlassen, ihrem Heimatland den Rücken zu kehren. Mangelnde Zukunftsperspektiven, hohe Arbeitslosenquoten, ein allgegenwärtiger Verdruss gegenüber verkrusteten politischen Systemen, Korruption, unwürdige Lebensbedingungen und periodisch auftretende Hungerkatastrophen auf afrikanischer Seite stehen den stark geschönten Hoffnungen auf ein besseres Leben, gute Verdienstmöglichkeiten und einem von allen Gefahren und Risikofaktoren befreiten Leben in Europa gegenüber. Darüber hinaus gehört es zu Rickmeyers Verdiensten, die sinnstiftende Leitmetapher des „goldene[n] Norden[s]“ (S. 79) aus afrikanischer Sichtweise zu beleuchten sowie zur Entmythologisierung und Dekonstruktion dieses feststehenden und romantisierten Bildes beizutragen, auch wenn dies im Feld unweigerlich ethische Fragen aufwirft.

Der Hafen von Tanger mit seinen unzähligen Sicherheitszonen, polizeilich gehüteten Grenzregimes[5] und Kontrollmechanismen zählt bei den illegal nach Europa einwandernden Afrikanern zum letzten Hindernis ihrer von Strapazen gekennzeichneten Odyssee, in dessen Einzugsbereich für die klandestinen Grenzgänger eine Vielzahl von Möglichkeiten existieren, sich den „Praktiken der Grenzpolitik“[6] zu entziehen und die Überfahrt zu bewältigen. Verstecke in Hohlräumen von Reisebussen, Viehtransportern oder Lastkraftwagen sind bevorzugte Varianten, um ans andere Ufer zu gelangen, wenngleich die blinden Passagiere vor der Überfahrt nur selten das Gefahrenpotential einschätzen können, das sie während des Transports erwartet.

Im letzten Abschnitt befasst sich der Autor mit drei aussagekräftigen Fallbeispielen, an denen er sowohl paradigmatisch die während des Lebens im Transit[7] Wirklichkeit werdenden Prozesse widerspiegelt als auch geographisch variable Migrationsdynamiken und -versuche in helleres Licht setzt. Hierbei stechen neben den bei allen der drei Gewährspersonen äußerst heterogen gearteten Vorstellungsgebäuden über Europa ganz besonders die unterschiedlichen Routen der vorgeblich illegitimen Wanderungsbewegung heraus. Der in der nigerianischen Millionenmetropole Lagos geborene J. Kumalo investierte beispielsweise das Geld seines Universitätsstipendiums, um Schlepper zu bezahlen, Grenzposten zu korrumpieren, in der Wüste mit einem Jeep von einem Ort zum anderen zu gelangen oder mittels eines Schleusernetzwerkes von der nordafrikanischen Westküste zu der ihr vorgelagerten Kanareninsel Las Palmas überzusetzen. Diese hier skizzierte Bewegung im Raum findet zumeist unter risikoreichen Bedingungen statt, da die Migranten nicht selten auf offener See den unberechenbaren Kräften der Natur ausgesetzt sind oder im von Landminen durchsäten Territorium staatlicher Grenzgebiete ihren von Hoffnungen getriebenen Weg gen Norden suchen.

Insbesondere Schwarzafrikaner ziehen in Tanger nicht nur aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung als finanzkräftige Elite unter den zumeist minderbegüterten Flüchtlingen den Zorn auf sich. Maghrebiner nehmen unter Zuhilfenahme des „physiognomischen Blick[s]“[8] die äußerlichen Merkmale wie beispielsweise die vergleichsweise dunklere Hautfarbe zum Anlass, um kontrastive Ethnizitätsmerkmale zu konstruieren, die wiederum einen Nährboden für xenophobe Ängste und rassisch motivierte Stereotype bereitstellen. Dieser in nahezu allen Gesellschaftsschichten grassierende Alltagsrassismus, so fand der Autor in seiner Untersuchung heraus, zeichnet dafür verantwortlich, dass zahlreiche Glücksritter aus Regionen südlich der Sahara tagsüber das urbane Zentrum meiden und in Verstecken in nahegelegenen Waldgebieten verweilen.

Das alles in allem äußerst anregende Buch von Stefan Rickmeyer präsentiert seinen Lesern ein perspektivenreiches Bild von jenen sich im Raum bewegenden Menschen, die aus unterschiedlichsten Motivlagen ihre Heimat in Richtung Europa verlassen möchten, dafür kaum vorstellbare Erschwernisse auf sich nehmen, um am vorläufigen Ende ihres Lebens im Transit in „dauerhaft provisorischen“[9] Auffanglagern und von der Weltöffentlichkeit wenig wahrgenommenen detention centres[10] den zählebigen Strukturen bürokratischer Verfahren ausgesetzt zu sein. Dem Willen der „illegalen Immigranten“, den strapaziösen Weg in ein besseres Leben aufzunehmen, stehen hier die Ambitionen der europäischen Wohlstandsstaaten gegenüber, den vermeintlichen Eindringlingen aus der kulturellen Fremde mittels immer „höhere[r] Mauern und Zäune“ (S. 120) den Weg nach Europa zu versperren.

Rickmeyers bemerkenswerte ethnographische Studie zeigt meines Erachtens auch die Chancen einer akademischen Magisterarbeit, die eben nicht – wie leider allzu oft üblich bei diesem Genre – in der Schreibtischschublade verstaubt, sondern ihre Aufgabe darin sieht, die kulturwissenschaftlichen und zumal gesellschaftsrelevanten Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bei dem für diese Abschlussarbeit gewählten kulturellen Phänomen ist die Veröffentlichung im Hausverlag der Tübinger Schule nicht zuletzt deshalb sinnvoll, weil ein eingehendes Verständnis über strukturelle Wesensmerkmale der „illegalen“ Immigration nach Europa insbesondere vor dem Hintergrund der tagesaktuellen Geschehnisse vor unserer Haustür ein dringendes Desiderat ist. Nicht zuletzt vor der Reflexionsfläche der von Seiten der Europäischen Union betriebenen gouvernementalen Praxisformen beim vorgeblich rationalen Regieren der vor Lampedusa in maroden Booten zusammengepferchten Hoffnungssuchenden, deren Ziel darin besteht, die „turbulenten Migrations- und Flüchtlingsbewegungen“[11] nach dem Sturz zahlreicher Despoten sowie dem sukzessiven Niedergang autokratischer Machtstrukturen im Zuge des arabischen Frühlings vom europäischen Festland fernzuhalten, bieten die in dieser Forschungsarbeit entfalteten ethnographischen Horizonte einen elementaren Wissensfundus, der maßgeblich zum Verstehen dieser gen Europa gerichteten Mobilitätsdynamiken beiträgt.

  1. Johler, Reinhard/Tschofen, Bernhard (Hg.): Empirische Kulturwissenschaft. Eine Tübinger Enzyklopädie. Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen. Band 100. Tübingen 2008. []
  2. Appadurai, Arjun: Fear of Small Numbers. An Essay on the Geography of Anger. Durham, Mass. 2006. []
  3. Agar, Michael: The Professional Stranger. An informal Introduction to Ethnography. New York 1980. []
  4. Sanjek, Roger (Hg.): Fieldnotes. The Making of Anthropology. Ithaca 1990. []
  5. Hess, Sabine: Konturen des Europäischen Grenzregimes. Grenzregimeforschung aus kulturanthropologischer Perspektive – eine Einführung. In: Hengartner, Thomas/Moser, Johannes (Hg.): Grenzen & Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehung. 35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Dresden 2006. Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, Band 17. Leipzig 2006, S. 155-160. []
  6. Römhild, Regina: Turbulente Ränder. Ethnographische Einsichten in die bewegten Grenzen Europas. In: Johler, Reinhard u. a. (Hg.): Europa und seine Fremden. Die Gestaltung kultureller Vielfalt als Herausforderung. Bielefeld 2007, S. 129-141, hier S. 130. []
  7. Löfgren, Orvar: Leben im Transit? Identitäten und Territorialität in historischer Perspektive. In: Historische Anthropologie. Kultur – Gesellschaft – Alltag 3/3 (1995), S. 349-363. []
  8. Schmidt-Lauber, Brigitta: Die verkehrte Hautfarbe. Ethnizität deutscher Namibier als Alltagspraxis. Lebensformen. Veröffentlichungen des Instituts für Volkskunde der Universität Hamburg, Band 10. Berlin, Hamburg 1998, S. 206. []
  9. Bauman, Zygmunt: Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit. Hamburg 2008, S. 70. []
  10. Rembges, Almut: Who is a Refugee – Strategies of Visibilization in the Neighbourhood of a Refugee Reception Camp and a Detention Centre. In: Bischoff, Christine/Falk, Francesca/Kafehsy, Sylvia (Hg.): Images of Illegalized Immigration. Towards a Critical Iconology of Politics. Bielefeld 2010, S. 167-176, hier S. 167f. []
  11. Hess, Sabine: Das Wissen (von) der Migration. Zur Bedeutung von Wissensprozessen für die neue Kunst des Regierens der Migration in Europa. In: Simon, Michael u. a. (Hg.): Bilder. Bücher. Bytes. Zur Medialität des Alltags. 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Mainz vom 23. bis 26. September 2007. Mainzer Beiträge zur Kulturanthropologie/Volkskunde, Band 3. Münster u. a. 2009, S. 136-142, hier S. 138. / Vgl. auch Transit Migration Forschungsgruppe (Hg.): Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas. 2., unveränderte Auflage. Bielefeld 2007. []
  1. Patricia Piberger / Dez 14 2011

    finde die rezension sehr gut gelungen.
    wollte dich nur darauf hinweisen, dass der begriff “schwarzafrikaner” nicht problem- und gewaltfrei ist und daher von ethnologisch arbeitenden menschen vermieden werden sollte. näheres kannst du u. a. bei noah sow (2008, deutschland schwarz weiß. der alltägliche rassismus, bertelsmann verlag) erfahren. ich vermute, dass du den begriff aus dem rezensierten werk übernommen hast…ist das richtig? dann könnte es durchaus sein, dass er als indigener begriff verstanden wird und von dem autor im sinne einer selbstbezeichnung verwendet wurde. hätte wohl trotzdem zumindest in einer fußnote auf die problematik hingewiesen…
    lg, patricia

  2. David Johannes Berchem / Dez 15 2011

    Hallo Patricia,

    zunächst danke ich Dir sowohl für die anerkennenden als auch kritischen Worte. Ja, den Terminus habe ich ohne die notwendige Differenzierung aus dem hier besprochenen Werk schlichtweg übernommen. Ich gelobe hiermit Besserung. Danke für den Literaturhinweis.

    Mit besten Grüßen

    David.

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