25 Jan 2010 / Friedemann Ebelt

Die Show vor dem Körperscanner. Warum Scannen und nicht Ausziehen?

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Beim Körperscannen treten die Reisenden vor eine Kamera. Die Scankamera verwandelt sie zu Schauspielern. Das Sicherheitspersonal und Hinweisschilder zeigen, welche Posen eingenommen werden müssen, damit der Scan sichtbar macht, was Terroristen verbergen wollen.

Diese Regieanweisungen führen dazu, dass in dem Scanner immer und immer wieder die selben Szenen von verschiedenen Menschen gespielt werden. Kann eine falsche Pose verräterisch sein?

Es sind verschieden Bilder, die beim Fotoshooting der Generation optische Aufklärung gemacht werden. Die letzte Gerätegeneration kann gestochen scharfe dreidimensionale Darstellungen des nackten Körpers erzeugen, wenn ein Mensch vor der Kamera vorbeiläuft.

Die Kamera sieht den Körper, der Körper sieht die Kamera nicht. Wer sieht die Bilder und wo befindet sich das Publikum, für das diese Aufnahmen gemacht werden?

In der ersten Zuschauerreihe sitzt das Sicherheitspersonal am Flughafen und bestaunt die Show auf einem Bildschirm als Liveübertragung. Wenn diese mit einem IPhone abfotografiert wird, kann das Scanbild als Video seine Internet-Karriere auf Youtube beginnen. Wird dieses Bild an eine elektornisch Personalakte angehängt, wie in Deutschland der ELENA Dateien, wird das Bild in Zukunft die Biografie des Körpers bestimmten, der vor der Kamera vorbeilief.

Der Scan, also der Beweis der Unschuld und Gefahrlosigkeit wird zu einer Akte, die unser Leben lenkt. Nicht mehr Gott ist zuständig für die Vorherbestimmung des Schicksals, sondern ein Sicherheitsueberwachungsapparat der Gesellschaft übernimmt das.

Zur Show vor dam Scanner gehört es das Publikum zu überzeugen Unschuldig und Normal zu sein. Wer optische von der Masse abweicht, wer etwa Geschlechtsmerkmale von Mann und Frau besitzt und damit vor die Kamera tritt gibt seine„Deformation“ preis und, läuft Gefahr von einem anonymen Publikum ausgelacht zu werden.

Wer beim Abtasten der Kamera den Stinkefinger entgegenstreckt, um auszudrücken, sich in seiner Privatheit gestört zu fühlen, zieht damit ein Verdachtsmoment auf sich.

Der Filmemacher Harun Farocki könnte aus diesen operationalisierten Bildern, so bezeichnet er Bilder die automatisch von Geräten erstellt werden, einen Film montieren, vielleicht um die Gesellschaft beim beobachten zu beobachten.

Was denken Menschen während ihre Körper gescannt werden um herauszufinden, was in ihren Köpfen geschieht? Werden sie anfangen auf Flughäfen immer den Bauch einzuziehen oder besonders gerade gehen? Für die Show.

Zum vollständigen Scanfilm fehlt aber noch Ton. Der Körperscanstummfilm bekommt mit der Diskussion um Terrorismus, Intimität, Privatheit und Sicherheit einen entsprechenden Soundtrack. In Zukunft könnte auch ein sprachlicher Lügendetektor den Film vertonen.

Trotz aller Schwarzmalerei entscheiden sich die Passagiere lieber für den Körperscanner als für das persönliche Abtasten. Woran liegt das?

Vielleicht hat das Publikum bereits anderswo gelernt zu Posieren. In einer Gesellschaft in der Menschen vor TV Kameras zu Idolen werden ist die Kamera unser Freund. Bilder sind unsere Visitenkarten. Dann geht es darum, dass schöne Bilder entstehen, die alle beteiligten zufrieden stellen und allen die Flugangst nehmen.

Die Sicherheitsindustrie argumentiert und Teile der Öffentlichkeit pflichten ihr bei, dass es an Flughäfen erforderlich ist, Menschen nackt zu betrachten.

Weil eine direkte Betrachtung nackter Tatsachen wahrscheinlich von den meisten Menschen nicht akzeptiert wird, wurde der Körperscanner gebaut. Körperscanner sind eine Technologie zur Umgehung eines kulturellen Tabus auf Basis unserer Bildshowkultur.

Musik: Zwei Opensource Tracks:

1. Forrrce: “Keep on Dancin’” (mp3) auf http://music2ten.com/category/electronic-music/

2. Venus Gang: „Loves to Fly“ http://superfan2009.com/category/instrumental-music/

Links:

Koerperscan Kontra: http://www.nacktscanner.org/

Nacktscan Pro: http: http://www.l-3com.com

  1. Pamuk / Feb 4 2010

    eine sehr gelungene audio-performance. zu beginn machst du aus dem nacktscan ein schauspiel aus schauspielern und publikum. das ist eine feine entfremdung, eine beschreibung des vorgangs als ritual. das gefaellt.
    der gedanke, dass die gemachten bilder kuenftig an die persönliche elena-akte angehaengt werden, scheint dann auch nicht mehr weithergeholt. eine gesellschaft, in der die einfuehrung eines derartigen apparatus’ letztlich akzeptiert wird, ist ein solche behauptung denkbar.
    das scheint mir ueberhaupt das interessanteste: schritt fuer schritt werden kulturelle tabus gebrochen, hier und da via technik, wie du es auch zu ende sagst. kein mensch würde sich schließlich im adam- oder evakostüm auf die straße stellen und seine tagebucheinträge oder lieblingslieder vorlesen. doch die meisten werden sich daran gewoehnen, am flughafen, mithilfe einer apparatur bis auf ihre haut durchleuchtet zu werden und sind es schon gewohnt, ihr leben in blogs und auf all den plattformen wie studivz und co preiszugeben. ohne all die technologien, die den menschen gefahrlosigkeit und eine art schutzwand vor ihrer würde vorgaukeln, wäre das brechen all dieser kulturellen tabus kaum moeglich.

  2. Friedemann Ebelt / Feb 4 2010

    Es freut mich, dass es gefaellt. Ich habe den Kommentar auch noch mal aktualisiert. Es stimmt, Technologie umgeht in diesem Fall ein Tabu, aber es entstehen auch neue ‘shows’, an denen Menschen in der Oeffentlichkeit teilnehmen muessen um nicht negativ aufzufallen. Wie veraendert beispielsweise CCTV das Verhalten von Menschen? … schade, dass die hier aufhoeren: http://leipzigerkamera.twoday.net/
    cheers

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