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	<title>Wildes Denken &#187; Bilder</title>
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	<description>Die Welt auf ethnologisch</description>
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		<title>Bildkonjunkturen Teil II oder Eine Replik auf „das Leiden anderer betrachten“</title>
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		<pubDate>Sat, 10 Apr 2010 19:37:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Müller</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Bildanthropologie]]></category>
		<category><![CDATA[Bilder]]></category>
		<category><![CDATA[Bildwissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Das fliegende Auge Das Fliegende Auge (1983) Trailer [Braddock and Murphy have watched Blue Thunder perform a selective firepower demonstration] Icelan: Well, look at that, all the red dummies are blown to hell. Frank Murphy: And a few white ones! Fletcher: One civilian dead for every ten terrorists. That&#8217;s an acceptable ratio. Frank Murphy : [...]


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">Das fliegende Auge</p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://www.youtube.com/watch?v=sd3lDhyM21M&amp;feature=related" target="_blank">Das Fliegende Auge (1983) Trailer</a></p>
<p style="text-align: left;">[<em>Braddock and Murphy have watched Blue Thunder perform a selective firepower demonstration</em>]<br />
<span style="color: #000000;"><a href="http://www.imdb.com/name/nm0736259/" target="_blank">Icelan</a>: Well, look at that, all the red dummies are blown to hell.<br />
<a href="http://www.imdb.com/name/nm0001702/" target="_blank">Frank Murphy</a>: And a few white ones!<br />
<a href="http://www.imdb.com/name/nm0790905/" target="_blank">Fletcher</a>: One civilian dead for every ten terrorists. That&#8217;s an acceptable ratio.<br />
<a href="http://www.imdb.com/name/nm0001702/" target="_blank">Frank Murphy</a></span> : [<em>Leaning closer to Braddock</em>] Unless you&#8217;re one of the civilians!</p>
<p style="text-align: left;">Die oben zitierte Passage stammt aus dem Film Blue Thunder, aus dem Jahre 1983 und ist den deutschen Lesern wohl eher unter dem Titel: “Das fliegende Auge” (ein für unser Anliegen bemerkenswert, konsistenter Titel) bekannt. Die Szene aus der dieses Zitat stammt, zeigt einerseits den High-Tech Kampfhubschrauber „Blue Thunder“ wie er fachgerecht einen Schießplatz mit menschlichen Attrappen, mit Hilfe seiner Bordkanone ohne viel Mühe, in tausend Teile dividiert. Dies geht scheinbar ohne große Rücksicht darüber von statten, ob es sich bei den verschieden, farbig markierten Attrappen um imaginäre Opfer oder Täter handelt. Die hochgerüstete Maschine mit ihrer gewaltigen Bewaffnung ist trotz feinster Boardelektronik  und Überwachungstechnologie inklusive eines eigens dafür ausgebildeten Piloten, scheinbar nicht dazu gemacht worden, den „feinen Unterschied“ erkennen zu sollen. Die Actionsequenz wird goutiert von einer Personengruppe, scheinbar hochrangiger Vertreter von Militär und Sicherheitsinstitutionen postiert auf einer Zuschauertribüne. Sie scheinen durchaus beeindruckt von der Durchschlagskraft dieser „Wunderwaffe“ und die finale Replik des Protagonisten Frank Murphy (Roy Scheider): „Unless you’re one of the civilians!“, kann eher als sarkastischer Kommentar der indirekten Bewunderung, denn als wirklich ernst gemeinte Kritik an dem Gesehenen gewertet werden. Der Film, ein Mix aus Science Fiction (wissenschaftlicher Fiktion) und Actionthriller mit Roy Scheider in der Hauptrolle, soll genutzt werden als Ausgangspunkt, für eine Replik auf den Beitrag von Friedemann Ebelt „das Leiden anderer betrachten: „Come on, let us shoot!“. Gleichzeitig soll hiermit auch die Fortführung der Kolumne „Bildkonjunkturen – Auf den Schnellstraßen des Ikonischen“ voran getrieben werden.<span id="more-332"></span></p>
<p style="text-align: left;">Diese Zusammenführung macht daher Sinn, da ich im ersten Teil meiner Kolumne bereits von einem „mit Bildern bewaffneten Konflikt zum Erhalt unserer systemischen Ordnung“ sprach und damit durchaus, nicht nur im übertragenen Sinne, die propagandistischen Bilder, innerhalb bewaffneter Konflikte meinte. Es soll im Folgenden hier nun versucht werden den rezeptiven Mittelweg zu suchen, den Friedemann in seinem Beitrag als das Dazwischen eines „‘normalen Kriegsalltags’ (<a href="http://www.newsrealblog.com/2010/04/06/supporting-the-decision-of-the-soldiers-in-the-wikileaks-video/" target="_blank">NRB</a>) oder eines ‘unmenschlichen Gewaltexzesses’ (<a href="http://www.jungewelt.de/2010/04-07/063.php" target="_blank">JW</a>)“ beschrieben hat.</p>
<p style="text-align: left;">Das kollektive Gedächtnis der Kultur</p>
<p style="text-align: left;">Mein Ansatz lautet demnach: Das Einsetzen eines verantwortungsbewussten Umgangs mit diesen Bildern / Aufnahmen / medialen Repräsentationen ist erst dann möglich, wenn man beachtet, dass sie bereits eine tief im „kollektiven Gedächtnis unserer Kultur“ (Belting 2001: S.66) verankertes Pendant haben. Dieses verankerte Pendant von Bildern, wird von Hans Belting als ein möglicher Ort der Bilder klassifiziert, dem sich jeder Mensch nicht entziehen kann, da sein eigener Körper im Wechselspiel mit diesem kollektiven Gedächtnis, seine eigenen örtlichen und räumlichen Erfahrungen und Erinnerungen umwandelt in Bilder. Ein jeder Mensch kompensiert damit „die Flucht der Zeit und den Verlust des Raumes, den wir in unseren Körpern erleiden.“ (Belting 2001: S.65.)</p>
<p style="text-align: left;">Die Annahme die sich im Rekurs auf diese Argumentation, beim Sichten des Videos ergab, war das wir in unserem „kollektiven Gedächtnis“ bereits über ein mannigfaltiges Repertoire an ähnlichen Bildern verfügen. Dieses Repertoire ist dafür verantwortlich, uns den Umgang mit diesem Video, doch auf einer Seite erheblich zu erleichtern, und letztlich auf einer moralischen oder gewissenhaften Umgangsebene jedoch, extrem zu erschweren. Denn einerseits und dies ist doch beachtlich, versteht der geneigte Betrachter sehr schnell was scheinbar in diesem Dokument aus Bewegtbildern passiert. Die Assoziationen um die es hier letztlich geht, sind nämlich alle bereits scheinbar mehr oder weniger in uns verankert: Krieg, Tötung aus dem sicheren Hinterhalt der Aviationsperspektive, Luftaufnahmen der Überwachung, Explosionen und die Relation von Schuss und Einschlag ballistischer Projektile trotz gehemmter Geräuschkulisse etc.…</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Kann das Gesehene noch authentisch sein?</p>
<p style="text-align: left;">Andererseits fragen sich bestimmt nicht wenige Betrachter ob es wirklich richtig ist, sich diesen Bildern auszusetzen, solange es sich  (wie es die Philosophie von Wikileaks, dem Distributor dieses Videos, vorschreibt) um authentisches Material handelt. Material also, in dem reale Menschen in einem realen Akt der Ungerechtigkeit ums Leben kamen. Doch die Frage die sich daraus ableitet ist doch ob wir, ganz ähnlich der enthobenen Perspektive der Piloten, überhaupt noch in der Lage sein können, diese Bilder als etwas wirklich Authentisches zu klassifizieren? Folgen wir Beltings Argumentation weiter, so lässt sich doch feststellen dass wir bei allen verinnerlichten und in zweiter Instanz erinnerten Bildern stets zum Regisseur unserer eigenen Bilderwelt werden und ganz automatisch zwischen Fakt und Fiktion eine muntere Montage betreiben, die der räumlichen Wirklichkeit in keinem Fall entsprechen kann. Der Körper bewegt sich zwar stets in einem eigenen Chronotopos, die Erinnerungen und demnach auch die erinnerten Bilder jedoch introspektiv ohne diese Konstanten auskommen müssen (wenn man von der Annahme absieht, dass ein sich erinnernder Mensch niemals ortsungebunden seine Erinnerungsphasen vollführen kann).</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Die Trennung von Imagination und Fiktion und schließlich die Lossagung der selbst gemachten Erfahrung</p>
<p style="text-align: left;">Weiter mit Belting argumentiert, kommt aber noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu der auch die Kernthese dieser Kolumne werden soll: Der Mensch hat in seinem Umgang mit den Bildern eine Trennung vollzogen, zwischen der Imagination und der Fiktion. Diese Trennung wird katalytisch befeuert durch die neuen Medien und ihren „Bildern von einer virtuellen Welt“ (Belting 2001: S.81). In dieser Welt gibt der menschliche Körper sich der Illusion hin, nur noch als Schnittstelle aufzutreten um die entkörperlichten Reize in Form von digitalen Bildern und Informationen zu verarbeiten. Ein wichtiger Punkt des menschlichen Seins scheint hier übersprungen und sich immer weiter fortwährend zu marginalisieren. Gemeint ist die Tatsache, dass ein Körper überhaupt noch dazu befähigt wird, Erfahrungen und Erlebnisse selbst tätigen zu können. Eine aktive körperliche Präsenz in der Raumzeit wird nach und nach ersetzt, durch eine avatarische Präsenz in virtuellen Räumen. Es geht dabei natürlich nicht darum eine dystopische Welt heraufzubeschwören, die tatsächlich ist wie die Welt in den Romanen der Neuromancer-Trilogie oder eben deren filmischer Entsprechung der Matrix-Trilogie. Es geht vielmehr darum diese Entwicklung transparent zu machen, die von der ausgiebigen Nutzung des Fernsehers über den Kinobesuch hinüberreicht, in die sich immer weiter auffächernden virtualisierten Erfahrungsumgebungen die, die neuen Medien bereithalten.</p>
<p style="text-align: left;">Eine Ikonografie und Bildgeschichte der anonymen Tötung aus der Luft</p>
<p style="text-align: left;">Zurück zum Beispiel des in Friedemann Ebelts Beitrag verhandelten Videos von der Tötung der vermeintlich Unschuldigen Personen durch den Kampfhubschrauber der US-Streitkräfte. Wie mein Eingangs präsentiertes Zitat zeigt, haben wir in unserem „kollektiven kulturellen Gedächtnis“ bereits mindestens ein Beispiel für den ungestümen Einsatz von Kampfhubschraubern auf einer fiktionalen Ebene. Sowohl eine Ausarbeitung der Ikonografie und der Bildgeschichte der anonymen Tötung aus der Luft und im speziellen, der totbringende Einsatz durch High-Tech Kampfhubschrauber alleine im Nordamerikanischen Kino, würde zahllose weitere Beispiele hier zu Tage fördern (Airwolf, Rambo, Platoon, Der Krieg des Charly Wilson etc.). Eine Erfassung von Videoformaten mit vergleichbarem Inhalt aus den verschiedenen Bereichen des World Wide Web, würde ebenso eine schwer quantifizierbare Aufgabe (eine einmalige Eingabe des Begriffs „Kampfhubschrauber“ ergab bei der Google-Videosuche bereits über 200 Resultate).</p>
<p style="text-align: left;">Das Privileg der von der Realität enthobenen Bilderkreisläufe</p>
<p style="text-align: left;">Die Frage die sich daraus ergibt ist: wieviele Menschen könnten sich hier einfinden, die von all diesen Dingen aus ihrer eigenen persönlichen Erfahrung heraus berichten könnten? Und damit möchte ich keineswegs den Umstand verharmlosen, dass viele Menschen auf dieser Welt täglich ihr Leben lassen in bewaffneten Konflikten und Kriegen. Doch wie Friedemann bereits erkannte, finden diese Umstände und deren Bilder davon zu aller erst in einer Umgebung statt, die sich eben nicht an dem Ort abspielen, in denen wir sie konsumieren und betrachten. Wir rezipieren diese Bilder die für die meisten Betrachter (außer den direkt Betroffenen und deren Verwandten, Angehörigen, Freunden, Kollegen und Familien) aus einer Perspektive in der diese Bilder lediglich Bilder „von einer virtuellen Welt sind“ an der wir keinen realen Bezug und Anteil mehr zu haben scheinen. Und hierin liegt das bereits im ersten Teil dieser Kolumne bereits angeführte Privileg von den enthobenen Bilderkreisläufen der westlichen Welt. Wir tragen unsere Konflikte, Kriege, Tötungen fort in eine Welt die weit genug entfernt zu sein scheint, dass wir sie als lediglich virtuell wahrnehmen können. Diese Front wird verteidigt bis zur letzten Patrone und letzten Cruise-Missile. Es bleibt ein Wink des Schicksals, wenn nicht sogar der schrecklichen Ironie, dass unter den Opfern dieser Szenerie wohl auch Journalisten waren. Manifestierte Repräsentanten der „alten (Bild)Weltordnung die noch in der unwirklich gewordenen Wirklichkeit nach den wahren Abbildern des „dort Draußen“ fahnden. Sie machten hierbei die schmerzliche Erfahrung, ganz genau wie alle anderen Beteiligten und Opfer des realen Krieges und der Zerstörung, dass die Welt ein tatsächlich gefährlicher Ort sein kann, in dem ein bloßes Betrachten vom „Leiden der Anderen“ reine Fiktion ist und ein gewaltiger Akt der arroganten Imagination sein muss, der pervertierter nicht sein kann. Die Frage scheint auf diese Weise einhellig beantwortet zu sein, ob wir nach derzeitigem Stand wirklich in der willentlichen Position sind, emanzipatorisch tätig zu werden, alle „Anderen“ in die Kreisläufe der westlichen Bildkonjunkturen aufzunehmen.</p>
<p style="text-align: left;">Im nächsten Teil der Kolumne stelle ich mich der Frage ob und wie die westlichen Bildkonjunkturen in der Lage sind, die anderen, die primitiven, die fremden Bilder am Ort ihres Entstehens zu verändern, zu manipulieren, zu verdrängen oder gar zu beseitigen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Verwendete Literatur</p>
<p style="text-align: left;">Belting, Hans: <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3770534492?ie=UTF8&amp;tag=ethnologiestu-21" target="_blank">Bild-Anthropologie</a>: Entwürfe für eine Bildwissenschaft / Hans Belting. – München: Fink, 2001.</p>
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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Bildkonjunkturen &#8211; Unterwegs auf den Schnellstraßen des Ikonischen (Teil I)</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Feb 2010 17:58:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Müller</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Manchmal lohnt es sich doch ein wenig genauer hinzuschauen. Bilder haben Konjunktur, Bilder repräsentieren Konjunkturen, Bilder sind Repräsentanten ideologisch, politischer Konjunkturen. Sie lassen sich mobilisieren und auf Reisen schicken an Orte an denen sie Sogwirkungen und Spiralen, manchmal infernalische Strudel auslösen können, die eine Gesellschaft an den Rand ihrer funktionalen Ordnungen zu bringen drohen. Der Karikaturenstreit bleibt in aller Munde, ein Indiz dafür, dass die Bilder etwas anrichten, wenn sie zum darüber Reden und vor allem zum Handeln animieren.


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Manchmal lohnt es sich doch ein wenig genauer hinzuschauen. Bilder haben Konjunktur, Bilder repräsentieren Konjunkturen, Bilder sind Repräsentanten ideologisch, politischer Konjunkturen. Sie lassen sich mobilisieren und auf Reisen schicken an Orte an denen sie Sogwirkungen und Spiralen, manchmal infernalische Strudel auslösen können, die eine Gesellschaft an den Rand ihrer funktionalen Ordnungen zu bringen drohen. Der Karikaturenstreit bleibt in aller Munde, ein Indiz dafür, dass die Bilder etwas anrichten, wenn sie zum darüber Reden und vor allem zum Handeln animieren. In den westlichen Gesellschaften argumentieren wir gerne mit dem obersten Gebot der Presse- und Meinungsfreiheit und vergessen dabei scheinbar im Kollektiv den Umstand, dass eine gesellschaftlich, institutionalisierte und in die Welt getragene Meinungsfreiheit auch immer deren heimische Weltanschauung und Moralvorstellung transportiert. Es geht hierbei nicht darum, die wertvollen weil mit nichts aufzuwiegenden Potentiale von Minderheitsmeinungen in Abrede stellen zu wollen. Vielmehr ist zu betonen, dass westliche Medienindustrien und Bilderdistribuierungsinstanzen, Presse- und Meinungsfreiheit hin oder her, vornehmlich gern ein exklusives Package von Mehrheitsmeinungen und Bildern mit kleinem Umfang in Umlauf bringen und fluktuieren lassen.<span id="more-243"></span></p>
<p>Wie diese Mehrheitsmeinungen entstehen, würde von hier aus zu weit führen, ein kurzes Beispiel sei jedoch genannt: Friedliche Revolutionen haben in Deutschland Konjunktur, wie der Medienspiegel aus dem Jahr 2009 eindrucksvoll aufzeigt. Aus einem historisch, beschrittenen Pfad für das Eigene, ist eine Meinungs-, Themen- und Bilderkonjunktur entwachsen, die sich nun auch überträgt auf das Fremde, das Entfernte und das Andere. Der leise Abgang der Orangenen Revolution oder die schwellende Opposition in Iran, sie wecken deutsch-deutsche Begehrlichkeiten. Wir wollen sagen: &#8220;Tut es uns gleich, seid so erfolgreich wie wir es damals waren. Als wir aufbrachen in eine neue gesellschaftliche Ordnung die vor allem Wohlstand und Angliederung offerierten, in das fluktuierende System freier Meinungs- und Bildkonjunkturen.“</p>
<p>Es sind andererseits aber auch Instanzen der Ordnungserhaltung, der Bestätigung, dass das freie Fluktuieren der Bilder und ihnen immanenten Meinungen der einzige Weg sind, unsere westliche Mehrheitsgesellschaft zu erhalten. Die Ränder an denen die abartigen, die bösen und die schlechten Bilder fluktuieren sind die Grenzen unserer gesellschaftlichen Ordnung. Wenn eine junge Frau dabei gefilmt wird, wie sie vermutlich getroffen von einem ballistischen Geschoss zu Boden sinkt und ihr die letzten Lebensgeister entweichen, dem Blick die Todesstarre einkehrt. Dann sind wir an den abgebildeten Orten angelangt die wir nicht sehen wollen aber müssen, um zu begreifen, dass wir diese Raumzeiten längst hinter uns gelassen haben. Den Armen, den Kranken, den Unterdrückten und den Verfolgten bleiben jedoch nur diese schockierenden Bilder des Dokumentarischen, als einzige Chance um aufmerksam zu machen auf das ihrige Elend. Nur mit diesen bösen, schrecklichen Bildern sind sie in der Lage, in unsere Kreisläufe von außen einzudringen. Wir hingegen können in Umlauf bringen wonach es uns beliebt. Piktorale Verkürzungen und unwahre, als fiktiv klassifizierte und somit geschützte und gesiegelte Harmlosigkeiten die im Kern nichts weiter sind als Degradierungen die Provokation evozieren. Der lässig, feuilletonistische Blick und Zugang zur Welt erlaubt es uns, ins Blickfeld zu rücken, wonach es uns beliebt. Diesen gesellschaftlichen Zustand zu erreichen, dafür haben wir lange gekämpft. Und weil wir im Insgeheimen wissen, wie hart und vor allem zufallsbestimmt dieser Kampf in Wirklichkeit war, glauben wir zu wissen, dass auch alle anderen nichtwestlichen Gesellschaften das Verlangen haben, diesen gegenwärtigen Zustand endlich erreichen zu können.</p>
<p>Doch ist dem so? Bedeutet der Wunsch nach Wohlstand und Freiheit auch den gleichzeitigen Wunsch nach einer freien Fluktuation der Bilder? Bestehen nicht auch Skepsis und Zweifel? Besteht nicht vor allem vielerorts ein tabuisierter, geschützter Blick auf die Bilder? Beruhen nicht oftmals, ganze gesellschaftliche Ordnungen auf dem Prinzip unterdrückter oder zumindest nicht frei verfügbarer Bilder? &#8221;Unreine&#8221; Bilder sollten vielleicht gar nicht so frei fluktuieren dürfen, wie man diesseits gemeinhin annimmt.</p>
<p>Vor allem der menschliche Körper hat sich im Kontinuum der fluktuierenden Bilder nachweislich bis zur Unkenntlichkeit dekonstruieren und brechen lassen, ohne dass man ihn besser verstehen, oder im übertragenen Sinne &#8220;begreifen&#8221; würde. Den Vertretern der westlichen Welt hierbei eine höhere Bildkompetenz im Bezug auf Körperdiskurse zuzuschanzen, nur weil sie dem Körper in all seinen Brechungen und Öffnungen mehr Bilder und Abbilder gegenüberstellt haben, bleibt gefährlich. Bis ins Pervertierte entseelt und bis zur Unkenntlichkeit deklinierte Körperabbildungen und Bebilderungen erzeugen keinen höheren moralischen Wert ihnen gegenüber. Bilder, desto detaillierter sie sind, erzeugen im Gegenteil vielmehr, einen moralischen Ballast den man so leicht nicht mehr abgeschüttelt bekommt. Gerade auch dann nicht, wenn eine freie Fluktuation die gewünschte Ordnungsinstanz sein soll, die man ihnen gewährt. Genau dazu dienen Tabus, als Schutz vor einer gesellschaftlichen Isolation und Ächtung. Der Weg in die Unabhängigkeit war verlockend, hart und steinig. Der Erhalt eben dieser Ordnung ist es ebenso. Der Preis den wir zahlen ist der, einer konstitutiven Abschottung von einer Welt, der nicht frei fluktuierenden Bilder. Wir führen mit unserer vermeintlichen Freiheit deshalb einen Bilderkrieg oder besser gesagt, einen mit Bildern bewaffneten Konflikt zum Erhalt unserer eigenen systemischen Ordnung. Wir denken mit Vereinnahmung und hinterhältiger Schmeichelei denen gerecht zu werden, die offensichtlich unfrei sind. Dass wir dabei scheinbar gar nicht die Absicht hegen ihnen zum Aufstieg in unseren elitären Zirkel zu verhelfen, soll beim nächsten Mal näher erläutert werden.</p>
<p>Der obige Artikel ist auch auf dem Blog des Autors <a href="http://larue-dystopie.blogspot.com/">Kissing und Blankets</a> erschienen.</p>


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		<title>Scanne mich, denn es ist hübsch! &#8211; Über Nacktscanner</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 13:49:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Schräpel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft & Technik]]></category>
		<category><![CDATA[Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Bilder]]></category>
		<category><![CDATA[Bildkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Flugsicherheit]]></category>
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		<category><![CDATA[Nacktscanner]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir leben in einer Welt voller Bilder. Zugegeben das ist keine neue Aussage und sie ist noch nicht einmal besonders aufregend. Und doch kann sie helfen um die aktuelle Diskussion um Nacktscanner um einige Punkte zu erweitern. Irgendwann Anfang der 1990er Jahre wurde in den Sozialwissenschaften die ikonische Wende ausgerufen (pictorial turn). Diese Wende weißt [...]


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir leben in einer Welt voller Bilder. Zugegeben das ist keine neue Aussage und sie ist noch nicht einmal besonders aufregend. Und doch kann sie helfen um die aktuelle Diskussion um <a href="http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,586083,00.html" target="_blank">Nacktscanner</a> um einige Punkte zu erweitern.</p>
<p><img class="alignright" title="Nacktscanner" src="http://www.wildes-denken.de/wp-content/uploads/2010/01/Nacktscanner-300x255.jpg" alt="" width="300" height="255" /></p>
<p>Irgendwann Anfang der 1990er Jahre wurde in den Sozialwissenschaften die ikonische Wende ausgerufen (pictorial turn). Diese Wende weißt auf das Aufkommen einer visuellen Kultur hin, die immer wieder mit der Entwicklung bildgebender Technologien (Foto, Film, Röntgenaufnahmen) historisch skizziert wird. Visualisierungen durchdringen heute beinahe jeden Bereich von Gesellschaft. Längst haben wir gelernt Bilder im Alltag auf eine bestimmte Weise zu lesen. Wird der Begriff auf alle Visualisierungsformen erweitert, also auch auf Diagramme, Karten, Symbole oder Modelle bemerken wir schnell, dass Bilder eine große Menge an Wissen in unseren Alltag tragen. In der Werbung wird dies gegen uns angewendet. Längst weiß man dort welche Wirkung Visualisierungen auf Wahrnehmung und Wissenstransfer haben. Aber auch der Erfolg von Webseiten wie <a href="http://www.youtube.com" target="_blank">youtube</a> oder <a href="http://www.flickr.com">flickr</a> lassen erahnen wie wichtig die Wissenskommunikation über Bilder geworden ist. Freilich hat dieser Prozess verschiedene Auswirkungen auf unsere soziale Praxis. In der Medizin wendet sich der ärztliche Blick vom Körper der Patienten auf die Monitore, wir entdecken unbekannte und ferne Plätze durch Reportagen und Bilder im Fernsehen und wir produzieren eben auch Geräte die angeblich zu unseren eigenen Sicherheit durch unsere Kleidung sehen kann. <span id="more-146"></span>Jetzt könnte man behaupten, dass diese Beispiele nicht zusammen gehören und doch sind sie Produkt unserer Bilderwelt. Wir haben eine merkwürdige Wahrheit in die Visualisierungen unserer Welt gesteckt. In der Tat sind Bilder zum großen Teil Träger komplexen Wissens. Über die Bildlichkeit wird es möglich diese Komplexität zu transportieren. Ein ganzer Kontinent mit all seinen Gebirgsketten, seinen Megastädten und Wäldern passt auf ein Blatt Papier, das wir in die Tasche stecken können. Das ist die eine Seite. Die andere, und diese wird scheinbar zu wenig beachtet, ist was aus diesen Bildern wird. Ich kann die beschrieben Karte nutzen um mich auf dem Kontinent zu navigieren, weiß ich doch sofort wo große Gebirgsmassive mir den Weg versperren. Ich kann diese aber auch benutzen um Grenzen zu ziehen, Kriege zu planen oder Straßen zu bauen. Aus der Karte wird ein Instrument, dessen Tragweite nicht so einfach abzumessen ist.</p>
<p>Nun aber zurück zu den Nacktscannern. Das Wort selbst klingt bedrohlich, greift es doch scheinbar etwas Privates in uns an: unsere Intimität. Wir haben uns daran gewöhnt auf Reisen unseren Namen frei zu geben und auch unsere Adresse, unser Gepäckinhalt und das was wir auf der Reise vorhaben. Aber eine Entblößung bis auf die nackte Haut? Hier hört die Bilderliebe auf, und danach auch gleich der Glaube in diese Bilder. Die Untersuchungen im Zuge der ikonischen Wende haben uns jedoch gezeigt dass wir diesen Bildern nicht entfliehen können. Sie sind Teil unserer Lebenswelt und drängen sich uns beinahe ungewollt auf. Wenn wir sie nicht wollen (und hier könnte eine weitere wichtige Fragen ins spielen kommen, nämlich wie Diskurse um und mit den Bildern überhaupt entstehen) müssen wir hoffen, dass es Möglichkeiten gibt sie schöner zu machen. Schön werden aber Bilder nicht wenn wir sie zensieren und auch nicht wenn wir sie bis auf die Haut entfremden. Schön werden Bilder, wenn die zweite Seite (siehe oben) allgemein akzeptiert wird. Im Falle der Nacktscanner müsste das heißen, dass wir uns alle ausziehen und sich keiner daran stört. Also! Für schöne Nacktscanns bitte einfach jetzt die Kleidung entfernen. Vielen Dank.</p>
<p><em>Leseempfehlungen</em></p>
<div id="_mcePaste">Bachmann-Medick, Doris. 2009. <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3499556758?ie=UTF8&amp;tag=ethnologiestu-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=3499556758" target="_blank">Cultural turns</a>: Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag.</div>
<div>
<div>Burri, Regula Valérie. 2008. <a href="http://rcm-de.amazon.de/e/cm?lt1=_blank&amp;bc1=000000&amp;IS2=1&amp;bg1=FFFFFF&amp;fc1=000000&amp;lc1=0000FF&amp;t=ethnologiestu-21&amp;o=3&amp;p=8&amp;l=as1&amp;m=amazon&amp;f=ifr&amp;md=1M6ABJKN5YT3337HVA02&amp;asins=3899428870" target="_blank">Doing Images</a>: zur Praxis medizinischer Bilder. Bielefeld: transcript.</div>
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