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	<title>Wildes Denken &#187; Politik</title>
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	<description>Die Welt auf ethnologisch</description>
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		<title>Verflechtungsgeschichte/n: Berlin im postkolonialen Blick</title>
		<link>http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/</link>
		<comments>http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 15 Aug 2011 22:04:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Pantelis Pavlakidis &#38; Maria Hoffmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Urbane Räume]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Postkolonialismus]]></category>

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		<description><![CDATA[„Wir leben in einer postkolonialen Welt, nicht nur jene Menschen in und aus ehemals kolonisierten Gebieten.“ (Eckert &#38; Randeria 2009: 3) &#160; Wie in den Debatten um die so genannte Griechenland-Krise oder um den EU-Beitritt der Türkei sind Diskussionen um Europa meist von Bildern eingenommen, die sich auf ein westliches, fortschrittliches und aufgeklärtes Europa berufen. [...]


Keine ähnlichen Beiträge.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="right">„Wir leben in einer postkolonialen Welt, nicht nur jene</p>
<p align="right">Menschen in und aus ehemals kolonisierten Gebieten.“</p>
<p align="right">(Eckert &amp; Randeria 2009: 3)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wie in den Debatten um die so genannte Griechenland-Krise oder um den EU-Beitritt der Türkei sind Diskussionen um Europa meist von Bildern eingenommen, die sich auf ein <em>westliches</em>, fortschrittliches und aufgeklärtes Europa berufen. Außerdem ist es ein <em>weißes</em>[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_0_519" id="identifier_0_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Wei&szlig; verstehen wir nicht als eine (unter anderen) Nuancierung der Hautfarbe, sondern als eine politische Kategorie des Privilegs, des Selbstverst&auml;ndlichseins, als ein &bdquo;unter den historischen Bedingungen der Moderne [&hellip;] asymmetrisches Macht-Verh&auml;ltnis, das Wei&szlig;sein privilegiert und Nicht-Wei&szlig;sein problematisiert.&ldquo; (Dietze (2006): 22) ">1</a>] Europa mit vermeintlich christlichem Fundament[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_1_519" id="identifier_1_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Im Zuge aktueller politischer Debatten gegen einen Islam in Europa, wird gerne auf judeochristliche Werteverwiesen. Dass dieser Begriff die lange Geschichte der Verfolgung, Unterdr&uuml;ckung und Ermordung von J&uuml;dinnen und Juden in Europa ausblendet, wird dabei v&ouml;llig ignoriert.">2</a>]. Auf der Suche nach der, oder besser <em>einer</em> europäischen Identität werden spezielle Gründungsmythen herangezogen. Sie bedienen sich an Vorstellungen von kultureller Verwandtschaft[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_2_519" id="identifier_2_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Die Formel der EU-Identit&auml;tspolitik &bdquo;In Vielfalt geeint&ldquo; denkt dieses Europa als die Summe seiner unterschiedlichen national gefassten Gesellschaften, die letztendlich zu Einem geh&ouml;ren. Quelle: http://europa.eu/about-eu/basic-information/symbols/motto/index_de.htm; Zugriff: 7.Juni 2011">3</a>], eine symbolische Abstammungsgeschichte Europas, wobei sie sich auf dem Fundament von (vermeintlich großen zivilisatorischen) Erfolgsgeschichten inszeniert, in denen Antike und Aufklärung, christlich-humanistische Werte und römisches Recht, Zivilisation und Rationalismus, Kapitalismus und Moderne die zentralen Dreh- und Angelpunkte darstellen. Die Kehrseite der glänzenden Medaille, namentlich Unterdrückung und Versklavung von<em>anderen</em> Menschen, Vergewaltigung und Mord, Ausbeutung und Raub von Land, wird dabei wohlwollend ausgeblendet. Vielmehr wird auf die Exportschlager Bildungseinrichtungen, Eisenbahnlinien und Verwaltungsapparate in die kolonialisierten Gebiete verwiesen; die „deutsche“ Werte Ordnung, Pünktlichkeit, Sauberkeit inbegriffen.</p>
<p>Die europäische Erfolgsgeschichte wird häufig als eigenständige zivilisatorische Entwicklung verstanden, deren moralische Verpflichtung[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_3_519" id="identifier_3_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="&bdquo;Die B&uuml;rde des Wei&szlig;en Mannes&ldquo;">4</a>] es war, ihre Errungenschaften in vermeintlich zurückgebliebene Regionen dieser Erde zu bringen. Wenn nötig mit Gewalt.</p>
<p>Diese Regionen des Nicht-Europas wurden – im Gegensatz zum emanzipierten und zivilisierten <em>Westen</em> –  zum „Rest“ (nach Hall 1992) deklariert. Bis heute verbindet den <em>Westen</em> und den <em>Rest</em> eine ambivalente Beziehung, in der Ersterer nicht erst durch koloniale Großprojekte europäischer Mächte sich selbst zum universellen Maßstab erklärte.<span id="more-519"></span></p>
<p><strong>DAS AFRIKANISCHE VIERTEL</strong></p>
<p>„Der Wedding wird schwarz,“ schrieb die TAZ[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_4_519" id="identifier_4_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="TAZ: &bdquo;Das Afrikanische Viertel&ldquo; vom 24.09.2008; www.taz.de/1/berlin/artikel/1/das-afrikanische-viertel/">5</a>] euphorisch im Jahr 2008. „Der Arbeiterbezirk legt seine rote Farbe ab und wird bunt, international, afrikanisch.“ Und zelebriert die Idee vom harmonischen Multikulti – trotz des faden Beigeschmacks der kolonialen Vergangenheit, auf die der <em>afrikanische Wedding</em> fußt.</p>
<p>Das Afrikanische Viertel liegt im Ortsteil Wedding, im Nordosten der wiedervereinten Stadt – und gehört seit der Bezirksreform im Jahr 2001 zum Bezirk Mitte. Die Straßen und Plätze des Afrikanischen Viertels erinnern</p>
<ul>
<li>an (ehemalige) deutsche „Kolonie- und Schutzgebiete“, wie die Kameruner Straße, Samoastraße, Togostraße und Ugandastraße,</li>
<li>an strategisch wichtige Orte und Landschaften in den kolonialisierten und besetzten Regionen, wie die Dualastraße, Mohasistraße, Damarastraße, Otawistraße, Swakopmunder Straße, Tangastraße, Usambarastraße und Windhuker Straße,</li>
<li>an – <em>weiße</em>, männliche –  Größen aus Forschung, Kolonialpolitik und Kolonialhandel, wie die Lüderitzstraße, der Nachtigalplatz und die Petersallee, die 1986 umgewidmet wurde)</li>
<li>sowie an politisch-strategische geografische Räume, die für die deutsche Kolonialpolitik von Bedeutung waren, so die Sambesistraße, die Sansibarstraße, die Senegalstraße und die Transvaalstraße.</li>
</ul>
<p>Die Benennung der ersten Straßen des neu entstandenen Wohnviertels im Jahr 1899 in Togo- und Kamerunstraße[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_5_519" id="identifier_5_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Berliner Stra&szlig;enlexikon: http://berlingeschichte.de">6</a>] zeugen von den kolonialen Allmachtsfantasien des Deutschen Kaiserreiches (Vgl. Honold 2003). Diese Benennungspraxis ist ebenso in anderen ehemaligen Kolonialmetropolen, wie Paris, London und Brüssel anzutreffen. In Deutschland ist sie Ausdruck der Politik des Wilhelminischen Kaiserreichs, der Weimarer Republik und – in ihrem Extrem – des nationalsozialistischen Deutschlands.</p>
<p>Die 1939 unter nationalsozialistischer Feder benannte Petersallee erinnerte bis 1986 an den deutschnationalen Kolonialpolitiker und sogenannten <em>Entdecker</em> und <em>Afrikaforscher</em> Carl Peters, der wegen seines brutalen Vorgehens in den afrikanischen Kolonien beim Kaiser in Ungnade gefallen und 1896 unehrenhaft aus dem Staatsdienst entlassen worden war. Erst 1986 wurde –  auf Druck von Anwohnenden – zwar keine Umbenennung, aber eine Umdeutung des Straßennamens durchgesetzt. Heute erklärt eine kleine Tafel die Petersallee zur Erinnerung an Hans Peters, Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, später CDU-Politiker und bis 1948 Abgeordneter der Gesamtberliner Stadtverordnetenversammlung[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_6_519" id="identifier_6_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Berliner Stra&szlig;enlexikon: http://berlingeschichte.de">7</a>].</p>
<p>Anders verhält es sich mit dem 1910 benannten Nachtigalplatz. Kein Hinweisschild erläutert, dass sich der Platz auf Gustav Hermann Nachtigal bezieht, der heute als einer der Wegbereiter des deutschen Kolonialismus gilt. Mit Blick auf den nahegelegenen Möwensee könnte man eher an den Singvogel, als an den Kolonialisten denken, der 1884 Togo und Kamerun die damals sogenannten <em>Schutzverträge</em> aufzwang.</p>
<p><a href="http://www.wildes-denken.de/wp-content/uploads/2011/08/IMG_3419_kl.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-614" title="Beflaggung" src="http://www.wildes-denken.de/wp-content/uploads/2011/08/IMG_3419_kl-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a>Durch den Verein Berlin Postkolonial kamen wir erstmals in Berührung mit der Brisanz, die das Afrikanische Viertel umgibt. Unser <em>weißes</em> Privileg der Unkenntnis konnte bisher postkoloniale Auseinandersetzungen ausblenden, da wir uns in einer sozialen Position befinden, in der wir nicht wissen <em>müssen</em> und darüber hinaus wir den Freiraum beanspruchen können, nicht wissen zu <em>wollen</em>(Schwarzenbach-Apithy 2005: 248). Verwunderung, Unverständnis und Empörung waren unsere ersten Reaktionen auf dem kritischen Stadtspaziergang von Berlin Postkolonial, der einerseits den Teilnehmenden helfen soll, ihre Wahrnehmung für post/koloniale Bezüge in der Stadtlandschaft zu schärfen und andererseits verdeutlicht, dass die deutsche Kolonialvergangenheit ungebrochen, unkommentiert und unkritisch in verschiedenen Formen fortbesteht. Verwunderung, Unverständnis und Empörung. Die Dichte kolonialistischer Symbole im Afrikanischen Viertel krönt die Kleingartenanlage mit dem provokanten Namen „Dauerkolonie Togo e.V.“, in der weithin sichtbar gehisste Flaggen der kaiserlichen Kriegsmarine, Piratenflagge und Flagge mit dem Templerkreuz sich in ihrer historischen Bedeutung einer klaren politischen Aussage in der Gegenwart nicht entziehen.</p>
<p>So kann das Afrikanische Viertel mit seinen kolonialen Bezügen keinesfalls als bloßes Überbleibsel kolonialpolitischer Bestrebungen des Deutschen Kaiserreiches und des nationalsozialistischen Regimes verstanden werden. Vielmehr verweist die Beflaggung in den Kleingartenanlagen Rehberge e.V. und Dauerkolonie Togo e.V. auf eine bewusste Inszenierung historischer Symbole, die in ihrer politischen Aussage in soziale Praktiken übersetzt werden.</p>
<p>Ein anderes Beispiel dieser Raumaneignung durch kolonialhistorischen Bezug ist die Apotheke in der Otawistraße, benannt nach einem kleinen, aber kolonialpolitisch strategisch wichtigen Ort im nördlichen Hereroland in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. In Otawi wurden damals Kupfer, Blei und Zink in Eisenbahnwagons verladen, die dann gen Hafen, gen Deutschland gebracht wurden. Der Inhaber der Otavi-Apotheke[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_7_519" id="identifier_7_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Obwohl der offizielle Stra&szlig;enname Otawistra&szlig;e hei&szlig;t, schreibt sich die Apotheke &bdquo;Otavi&ldquo;, da dies ihr tradierter, urspr&uuml;nglicher Name sei, erkl&auml;rte uns der Inhaber.">8</a>] begreift diese Kolonialgeschichte als identitätsstiftenden Teil der eigenen Lokalgeschichte. Die Schaufenster sind aufwändig mit afrikanisch anmutenden Stoffen und Masken, Landkarten und Giraffenfiguren geschmückt. Unter der Überschrift „Die Schätze Otawis“ sind in einem alten Koffer Diamanten, Kupfer, Erdnüsse und andere exotische afrikanische Produkte zusammengepackt. Bereitwillig gab uns der Apotheker Auskunft über die Geschichte Otawis, mit der er sich intensiv beschäftigt, und schlug einen alten Atlas auf. Ironisch meinte er, mit Blick auf die großen Masken an der Wand hinter der Theke, dass die sowieso aus China kämen. Die Giraffe auf der gelben Tragetasche, die er uns mitgab, verspricht den Kunden der Apotheke „den Überblick zu behalten“.</p>
<p><strong>VERFLECHTUNGEN</strong></p>
<p>Der <em>afrikanische Wedding</em> heute: „Ur-Berlin trifft Multikulti“ verspricht die Imagekampagne der Stadt zuversichtlich[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_8_519" id="identifier_8_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="BerlinOnline: www.berlinonline.de/themen/immobilien-und-wohnen/stadtteile/921234-768912-weddingurberlintrifftmultikulti.html">9</a>]. Wer ist dieses Ur-Berlin? Und wer ist Multikulti? Sind jene postkolonial Zugewanderte gemeint, die dem Afrikanischen Viertel so augenscheinlich seinen Namen geben? „Warum das Afrikanischen Viertel so heißt? Vielleicht wegen der Afrikaner, die hier leben?“ hörten wir ein paar Mal bei der Straßenumfrage. Kehren die Menschen, die schon seit 1899, seit mehr als 100 Jahre im Wedding symbolisch präsent sind, nach Hause?</p>
<p>„Menschen wie ich“, erklärt Stuart Hall (1994: 74) anhand seiner eigenen Biographie, die ihn von Jamaika nach England führte, „die in den 1950ern nach England kamen, waren schon seit Jahrhunderten da. Symbolisch waren wir schon seit Jahrhunderten da. Ich kam nach Hause. Ich bin der Zucker auf dem Boden der englischen Teetasse. Ich bin die Süßigkeit und die Zuckerplantagen, die Generationen von englischen Kindern die Zähne ruiniert haben. Neben mir gibt es Tausende Andere, die der Tee sind. Weil, Ihr wisst ja, sie bauen keinen Tee in Lancashire an. Es gibt keine einzige Teeplantage im Vereinigten Königreich. Aber Tee ist das Symbol englischer Identität &#8211; was weiß man in der Welt über eine englische Person außer, dass sie den Tag nicht ohne Tee überstehen kann? Aber wo kommt er her? Ceylon &#8211; Sri Lanka, Indien. Das ist die äußere Geschichte, die im Inneren der Geschichte Englands ist. Es gibt keine englische Geschichte ohne diese andere Geschichte.“</p>
<p>Vielerorts wird diese gemeinsame, komplex verflochtene Geschichte jedoch als voneinander getrennte Geschichte erzählt (Conrad &amp; Randeria 2002); die Kolonialgeschichte wird zur abgespaltenen Geschichte. Die Regionen außerhalb eines geografisch definierten Europas werden zum soziokulturellen Nicht-Europa, zum Anderen, zum Fremden.</p>
<p>Ein Blick für historische Verflechtungen zwischen Berlin und <em>seinem Anderen</em> lässt uns „den Imperialismus als den gemeinsamen Rahmen der wechselseitigen Konstitution“ (Conrad &amp; Randeria 2002: 10), als verbindendes Element einer gemeinsamen, geteilten Geschichte begreifen. Denn bis heute wirken die kolonialen Begegnungen auch auf die Kolonisierenden (Vgl. Comaroff &amp; Comaroff 2002), auf Deutschland, auf Europa zurück. Sie haben Berlin, als Hauptstadt des ehemaligen Kolonialreiches, konstitutiv geprägt und geformt.</p>
<p><a href="http://www.wildes-denken.de/wp-content/uploads/2011/08/IMG_3231_kl.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-613" title="&quot;Dauerkolonie TOGO e.V.&quot; kl" src="http://www.wildes-denken.de/wp-content/uploads/2011/08/IMG_3231_kl-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a>Ebenso wie Stuart Hall als personifiziertes Beispiel für die Realität verflochtener Welten, verwobener Geschichte/n von Europa und dem Nicht-Europa gilt, gibt es zahlreiche Orte in Berlin, an denen jene post/koloniale verwandtschaftliche  Beziehungen offensichtlich werden.</p>
<p>Nicht nur die Straßennamen im Afrikanischen Viertel erzählen davon. Die Kleingartenanlage „Dauerkolonie Togo e.V.“ gehört – angesichts ihrer vorgeschobenen Naivität, man beziehe sich nur auf die angrenzende Togostraße – zu den schockierendsten Beispielen. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich weitere Details der Verwobenheit Berlins, der Verflechtung unserer Geschichten, die auch in der Stadtlandschaft sichtbar werden:</p>
<p>&nbsp;</p>
<ul>
<li>So zum Beispiel die Geschichte der Festung „Fort Groß Friedrichsburg&#8221;, die 1680 in der gleichnamigen kurbrandenburgischen Kolonie[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_9_519" id="identifier_9_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Heilwagen, Oliver. Das Parlament: http://www.bundestag.de/dasparlament/2004/39/Panorama/002.html">10</a>] an der Küste des heutigen Ghana errichtet wurde und seit 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.</li>
<li>Oder der sogenannte Hererostein, der auf dem Garnisonsfriedhof am Columbiadamm[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_10_519" id="identifier_10_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Aikins, Joshua Kwesi: Die allt&auml;gliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit.">11</a>] an den <em>Heldentod</em>der deutschen Besatzer erinnern soll, die im Kolonialkrieg in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, der schließlich im Völkermord an den Herero und Nama endete, umkamen.</li>
<li>Oder der sogenannte „Sarotti-Mohr“ als Logo des Schokoladenproduzenten, der seine Confiseur-Waaren-Handlung Felix &amp; Sarotti 1852 in der Friedrichstraße eröffnete.</li>
<li>Oder das ehemalige Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße 77, unweit der heutigen Britischen Botschaft, in das Otto von Bismarck 1884 Vertreter der europäischen Großmächte, der USA und des Osmanischen Reichs zur Konferenz geladen hatte, um ihre kolonialen Interessen auf dem afrikanischen Kontinent abzustecken.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_11_519" id="identifier_11_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Deutsches Historisches Museum. Afrikanische Spuren in Berlin: www.dhm.de/ausstellungen/namibia/stadtspaziergang/index.htm">12</a>]</li>
<li>Oder die zwölf jungen Afrikaner, die Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. 1717 von Niederländern kaufte und die in seiner Regimentskapelle den Schellenbaum tragen sollten[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_12_519" id="identifier_12_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Heilwagen; ebd.">13</a>]. An den europäischen Herrscherhäusern des 18. Jahrhunderts galten sogenannte „Hofmohren“ als Prestigesymbol[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_13_519" id="identifier_13_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Deutsches Historisches Museum">14</a>]. Nach ihnen ist heute noch die Mohrenstraße benannt, in der damals ihre Kaserne und heute unser Institut für Europäische Ethnologie zu finden ist.</li>
<li>Oder die Humboldt-Universität, früher Friedrich Wilhelm-Universität, selbst, an der William E.B. Du Bois, einer der wichtigsten Vordenker der schwarzen US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, zwischen 1892 und 1894 studierte[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_14_519" id="identifier_14_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ebd.">15</a>].</li>
</ul>
<p><strong>EINE GESCHICHTE DES AUSLASSENS</strong></p>
<p>Seit 1958 würdigt die Ghanastraße, als einzige Straße des Afrikanischen Viertels mit postkolonialem Bezug, die Unabhängigkeit der einstigen Kolonie Goldküste vom 6. März 1957. Ihre postkoloniale Bedeutung – in Form der Würdigung der Unabhängigkeit Ghanas –  geht jedoch im Ensemble der übrigen Namen unter. Es scheint so sehr symbolisch für den Umgang mit dem kolonialen Erbe und der daraus erwachsenden Verantwortung für die Gegenwart, was im öffentlichen Diskurs wenig, wenn nicht sogar gar keine Beachtung findet.</p>
<p>Es sind <em>andere </em>historische Ereignisse, die besonders für das deutsche Selbstverständnis und der deutschen Auseinandersetzung mit (ihrer) Geschichte im Vordergrund stehen; die schrecklichen Ereignisse des Holocaust stellen <em>das zentrale historische Moment</em> im deutschen Diskurs.</p>
<p>Die deutsche Kolonialvergangenheit, die sich als eine Geschichte des Auslassens und des Ver/Schweigens (Conrad &amp; Randeria 2002: 33) erzählen lässt, hat nicht nur bei den Kolonialisierten immense Veränderungen hinterlassen, die bis zum heutigen Tag fortwirken und reproduziert werden. Es gibt zahlreiche Beispiele, die von den vielfältigen Verstrickungen, Verwebungen und Verflechtungen der geteilten – also getrennten und gemeinsamen – Geschichte Europas und ihres nicht-europäischen Gegenübers erzählen. So schreibt Joshua Kwesi Aikins (2004) „Die verdrängte deutsche Kolonialzeit hat Berlin mitgeprägt. Diese Vergangenheit und die daraus erwachsende Verantwortung ist überall in Berlin gegenwärtig”. Dass dies meistens nicht in harmonischem Multikulti endet, sondern in aufgeladenen politischen Auseinandersetzungen zeigen die Debatten um die Umbenennung des alten Gröbenufers in Berlin Kreuzberg (Vgl. Bauche 2010), der erbitterte Streit mit dem Bayrischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst in München um Rückgabeforderungen der Kameruner Königsinsignien oder die heftigen Auseinandersetzungen[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_15_519" id="identifier_15_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Deutsche Welle: Colonial Cliches in a German Zoo? 09.06.2005. www.dw-world.de/dw/article/0,,1608969,00.html; The Critical Witness: http://criticalwitness.blogspot.com/2010/07/3-1072010-berlin-und-eberswalde.html; AK UniWatch: http://akuniwatch.wordpress.com/2010/07/05/03-10-07-2010-protestaufruf-berliner-zoos-veranstalten-wieder-rassistische-afrika-tage/">16</a>] um die sogenannten „Afrika-Tage“ in deutschen Zoos, wie in Augsburg, Eberswalde und Berlin, die erschreckend an die rassistischen Kolonialausstellungen von schwarzen Menschen erinnern.</p>
<p>Eine andere Debatte, die aktuell wieder sehr kontrovers in der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin Mitte geführt wird, dreht sich um die seit etwa drei Jahren geforderten Gedenktafel/n, die das Afrikanische Viertel in seinem historischen Entstehungskontext verorten und ins Hier und Jetzt der Stadtlandschaft einbetten sollen.</p>
<p><strong>UN/SICHTBARE VERBINDUNGEN</strong></p>
<p>Stuart Halls spricht von einer symbolischen Genealogie, von einer gemeinsamen Geschichte der Kolonialisierung, die seither ungleiche ökonomische und politische Verhältnisse des Westens zum „Rest der Welt“ reproduziert. Im Sinne Halls sind Migranten wie er keine Fremden, sondern alte Bekannte, die in einer kolonialen Weltordnung längere Zeit auf räumlichen Abstand gehalten wurden. Die postkoloniale Ankunft der Migranten in Europa bringt diese gemeinsame, geteilte Geschichte unaufhaltsam zum Vorschein.</p>
<p>Welche verdeckten Bande gibt es hinter der Fassade Europas? Hinter der Fassade, die scheinbar so einfach erklären kann, was vertraut und was fremd, was eigen und was anders ist. Wie fremd sind die Fremden, die Ausgeschlossenen, wirklich?</p>
<p>Nicht erst seit der postkolonialen Ankunft von <em>veranderten</em>[<a href="http://www.wildes-denken.de/2011/08/berliner-verflechtungsgeschichten/#footnote_16_519" id="identifier_16_519" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="zu Anderen gemacht">17</a>] Menschen, Lebensstilen und Produkten (vgl. Ege 2007) in den europäischen Metropolen wird, im großen Rahmen von Globalisierungsdiskursen, um Zugehörigkeiten, Grenzen und das Wesen Europas gestritten. Um in einer globalisierenden, kosmopolitischen Moderne anzukommen, versteht sich Berlin heute als internationales, multikulturelles Aushängeschild der Bundesrepublik Deutschland. Beim näheren Hinsehen wird jedoch deutlich, dass nicht jeder <em>Andere</em> Teil dieses Multikulti-Projekts der Moderne sein darf.</p>
<p>Diese (ethnologischen) Überlegungen über kursierende und diskutierte Vorstellungen von Globalisierung und Kosmopolitisierung, von Moderne, Tradition und Diversität, von Migration und transnationalen Netzwerken verdichten sich im konkreten physischen Raum des Afrikanischen Viertels. Das Viertel ist jedoch mehr als nur ein lokaler Ort in der urbanen Landschaft Berlins, an dem migrantische Beziehungsnetzwerke, kosmopolitische soziale Praktiken und politische Programme sichtbar werden. Als ein historisches Produkt politischer Praxis ist es darüber hinaus eine Metapher;  ein symbolisches Spannungsfeld postkolonialer Auseinandersetzungen verschiedener Akteure und Akteursgruppen (wie Anwohnende, Aktivistengruppen und Initiativen, Menschen in der Lokalpolitik), die in diesem Konfliktfeld verortet sind.</p>
<p>Das Afrikanische Viertel ist ein abstrakter Raum, in dem sich gewisse Diskurse materialisieren; ein Feld postkolonialer Verflechtungsbeziehungen, in dem verschiedene sinnstiftende Geschichtserzählungen aufeinandertreffen, sich überlappen und miteinander konkurrieren. Den Wedding als relativ armen und sozial schwachen Bezirk Berlins zu erkennen, macht deutlich, dass die simplifizierte duale Kategorisierung von „reichen Kolonialisierenden“ und „verarmten Kolonialisierten“ nicht tragbar ist. Werden die Überlappungen diverser Ebenen, wie Sozialstruktur, ethnischer Verortungen oder sozioökonomischen Zuschreibungen, erkannt, können alte Dualismen in einem nächsten Schritt aufgebrochen werden.</p>
<p>Das Afrikanische Viertel als ein abstraktes, aber real umkämpftes Feld postkolonialer Verflechtungsbeziehungen zu begreifen, eröffnet den Blick für mannigfaltige Spannungen, Konflikte und Bruchlinien, an denen verschiedene Konzeptionen von Welt, von Europa, vom eigenen Selbstverständnis sichtbar werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Literatur:</strong></p>
<p>Aikins, Joshua Kwesi (2004): Die alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit. http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=SFVMQD</p>
<p>Appadurai, Arjun (1998): Globale ethnische Räume. Bemerkungen und Fragen zur Entwicklung einer transnationalen Anthropologie. In: Beck, Ulrich (Hrg.): Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt (Main): Suhrkamp. S. 11 – 38.</p>
<p>Bauche, Manuela (2010): Postkolonialer Aktivismus und die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus. Die Forderungen nach Repräsentation und sozialer Gleichstellung als zwei Pole einer neuen postkolonialen Bewegung. In: Phase 2. [Nummer:37/2010] ULR: http://phase2.nadir.org/index.php?artikel=821&amp;print=ja (Zugriff: 26.07.2011)</p>
<p>Comaroff, Jean &amp; John L. Comaroff (2002): Hausgemachte Hegemonie. In: Sebastian Conrad &amp; Shalini Randeria (Hg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt a.M., New York: Campus. S. 247-282.</p>
<p>Conrad, Sebastian &amp; Shalini Randeria (2002): Geteilte Geschichten – Europa in einer postkolonialen Welt. In: Dies. (Hg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 9-49.</p>
<p>Dietze, Gabriele (2006): Critical Whiteness Theory und Kritischer Okzidentalismus. Zwei Figuren hegemonialer Selbstreflexion. In: Tißberger, Martina (Hg.): Weiß &#8211; Weißsein &#8211; whiteness. Kritische Studien zu Gender und Rassismus. Frankfurt am Main: Lang. S. 219 – 247.</p>
<p>Eckert, Andreas &amp; Shalini Randeria (2009): Vom Imperialismus zum Empire? Globalisierung aus außereuropäischer Sicht. URL: <a href="http://www.ethno.uzh.ch/publications/pdfs/2009Vom%20ImperialismusZumEmpire.pdf">http://www.ethno.uzh.ch/publications/pdfs/2009Vom ImperialismusZumEmpire.pdf</a> (Zugriff: 16.08.2011)</p>
<p>Ege, Moritz (2007): Schwarz werden: „Afroamerikanophilie“ in den 1960er und 1970er Jahren. Bielefeld: transcript.</p>
<p>Hall, Stuart (1992): The West and the Rest. Discourse and Power. In: Ders. &amp; Bram Gieben (eds.), Formations of Modernity. Cambridge: Polity Press, S. 275-320.</p>
<p>Hall, Stuart (1994): Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg, S. 74.</p>
<p>Honold, Alexander (2003): Afrikanisches Viertel. Straßennamen als kolonialer Gedächtnisraum. In: Kundrus, Birthe (Hg.): Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Frankfurt am Main: Campus-Verlag. S. 305 – 321.</p>
<p>Schwarzenbach-Apithy, Aretha (2005): Interkulturalität und anti-rassistische Weis(s)heiten an Berliner Universitäten. In: Eggers, Maureen Maisha; Grada Kilomba; Peggy Piesche; Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster: Unrast-Verlag.</p>
<p>_________________________________</p>
<p>Pantelis Pavlakidis und Maria Hoffmann</p>
<p>Projekt: „Andere Europas: Soziale Imagination in transnationalen Bewegungen und urbaner Öffentlichkeit”</p>
<p>Labor Europa/Europäisierung unter <a href="https://service.gmx.net/de/cgi/derefer?TYPE=3&amp;DEST=http%3A%2F%2Fwww.euroethno.hu-berlin.de%2Fforschung%2Flabore%2Feuropa">http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/labore/europa</a></p>
<p>Institut für Europäische Ethnologie</p>
<p>Humboldt-Universität zu Berlin</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_519" class="footnote">Weiß verstehen wir nicht als eine (unter anderen) Nuancierung der Hautfarbe, sondern als eine politische Kategorie des Privilegs, des Selbstverständlichseins, als ein „unter den historischen Bedingungen der Moderne […] asymmetrisches Macht-Verhältnis, das Weißsein privilegiert und Nicht-Weißsein problematisiert.“ (Dietze (2006): 22) </li><li id="footnote_1_519" class="footnote">Im Zuge aktueller politischer Debatten gegen einen Islam in Europa, wird gerne auf <em>judeochristliche Werte</em>verwiesen. Dass dieser Begriff die lange Geschichte der Verfolgung, Unterdrückung und Ermordung von Jüdinnen und Juden in Europa ausblendet, wird dabei völlig ignoriert.</li><li id="footnote_2_519" class="footnote">Die Formel der EU-Identitätspolitik „In Vielfalt geeint“ denkt dieses Europa als die Summe seiner unterschiedlichen national gefassten Gesellschaften, die letztendlich zu Einem gehören. Quelle: http://europa.eu/about-eu/basic-information/symbols/motto/index_de.htm; Zugriff: 7.Juni 2011</li><li id="footnote_3_519" class="footnote">„Die Bürde des Weißen Mannes“</li><li id="footnote_4_519" class="footnote">TAZ: „Das Afrikanische Viertel“ vom 24.09.2008; www.taz.de/1/berlin/artikel/1/das-afrikanische-viertel/</li><li id="footnote_5_519" class="footnote">Berliner Straßenlexikon: http://berlingeschichte.de</li><li id="footnote_6_519" class="footnote">Berliner Straßenlexikon: http://berlingeschichte.de</li><li id="footnote_7_519" class="footnote">Obwohl der offizielle Straßenname Otawistraße heißt, schreibt sich die Apotheke „Otavi“, da dies ihr tradierter, ursprünglicher Name sei, erklärte uns der Inhaber.</li><li id="footnote_8_519" class="footnote">BerlinOnline: www.berlinonline.de/themen/immobilien-und-wohnen/stadtteile/921234-768912-weddingurberlintrifftmultikulti.html</li><li id="footnote_9_519" class="footnote">Heilwagen, Oliver. Das Parlament: http://www.bundestag.de/dasparlament/2004/39/Panorama/002.html</li><li id="footnote_10_519" class="footnote">Aikins, Joshua Kwesi: Die alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit.</li><li id="footnote_11_519" class="footnote">Deutsches Historisches Museum. Afrikanische Spuren in Berlin: www.dhm.de/ausstellungen/namibia/stadtspaziergang/index.htm</li><li id="footnote_12_519" class="footnote">Heilwagen; ebd.</li><li id="footnote_13_519" class="footnote">Deutsches Historisches Museum</li><li id="footnote_14_519" class="footnote">Ebd.</li><li id="footnote_15_519" class="footnote">Deutsche Welle: Colonial Cliches in a German Zoo? 09.06.2005. www.dw-world.de/dw/article/0,,1608969,00.html; The Critical Witness: http://criticalwitness.blogspot.com/2010/07/3-1072010-berlin-und-eberswalde.html; AK UniWatch: http://akuniwatch.wordpress.com/2010/07/05/03-10-07-2010-protestaufruf-berliner-zoos-veranstalten-wieder-rassistische-afrika-tage/</li><li id="footnote_16_519" class="footnote">zu Anderen gemacht</li></ol><p><!--[if IE]><iframe frameborder="0" allowTransparency="true" class="addtoany_special_service facebook_like" src="http://www.facebook.com/plugins/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2011%2F08%2Fberliner-verflechtungsgeschichten%2F&amp;layout=button_count&amp;show_faces=false&amp;width=75&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;height=20&amp;ref=addtoany" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:90px;height:21px"></iframe><![endif]--><!--[if !IE]><!--><iframe class="addtoany_special_service facebook_like" src="http://www.facebook.com/plugins/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2011%2F08%2Fberliner-verflechtungsgeschichten%2F&amp;layout=button_count&amp;show_faces=false&amp;width=75&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;height=20&amp;ref=addtoany" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:90px;height:21px"></iframe><!--<![endif]--><!--[if IE]><iframe frameborder="0" allowTransparency="true" class="addtoany_special_service twitter_tweet" src="http://platform.twitter.com/widgets/tweet_button.html?url=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2011%2F08%2Fberliner-verflechtungsgeschichten%2F&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2011%2F08%2Fberliner-verflechtungsgeschichten%2F&amp;count=none&amp;text=Verflechtungsgeschichte%2Fn%3A%20Berlin%20im%20postkolonialen%20Blick" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:55px;height:20px"></iframe><![endif]--><!--[if !IE]><!--><iframe class="addtoany_special_service twitter_tweet" src="http://platform.twitter.com/widgets/tweet_button.html?url=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2011%2F08%2Fberliner-verflechtungsgeschichten%2F&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2011%2F08%2Fberliner-verflechtungsgeschichten%2F&amp;count=none&amp;text=Verflechtungsgeschichte%2Fn%3A%20Berlin%20im%20postkolonialen%20Blick" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:55px;height:20px"></iframe><!--<![endif]--><!--[if IE]><iframe frameborder="0" allowTransparency="true" class="addtoany_special_service google_plusone" src="https://plusone.google.com/u/0/_/%2B1/fastbutton?url=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2011%2F08%2Fberliner-verflechtungsgeschichten%2F&amp;size=medium&amp;count=false" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:32px;height:20px"></iframe><![endif]--><!--[if !IE]><!--><iframe class="addtoany_special_service google_plusone" src="https://plusone.google.com/u/0/_/%2B1/fastbutton?url=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2011%2F08%2Fberliner-verflechtungsgeschichten%2F&amp;size=medium&amp;count=false" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:32px;height:20px"></iframe><!--<![endif]--><a class="a2a_dd a2a_target addtoany_share_save" href="http://www.addtoany.com/share_save#url=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2011%2F08%2Fberliner-verflechtungsgeschichten%2F&amp;title=Verflechtungsgeschichte%2Fn%3A%20Berlin%20im%20postkolonialen%20Blick" id="wpa2a_2">Weitersagen</a></p>

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		<title>Kommentar zur Ausschreibung der Universitätsprofessur W2 (Ethnologie) in Hamburg</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Aug 2010 18:19:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Mühlfried</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft & Technik]]></category>
		<category><![CDATA[Ausschreibung]]></category>
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		<category><![CDATA[Hamburg]]></category>
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		<description><![CDATA[Liebe Lesende, mit diesem Eintrag möchte ich meiner Verwunderung über die aktuelle Ausschreibung einer W2-Professur am Hamburger Institut für Ethnologie Ausdruck verliehen und versuchen, eine Debatte zu diesem Thema anzustoßen (Ausschreibung angehängt). Da soll mal also in Lateinamerika UND in Afrika südlich der Sahara geforscht haben und noch eine Reihe weiterer Kriterien erfüllen. Eine solch [...]


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Lesende,</p>
<p>mit diesem Eintrag möchte ich meiner Verwunderung über die aktuelle Ausschreibung einer W2-Professur am Hamburger Institut für Ethnologie Ausdruck verliehen und versuchen, eine Debatte zu diesem Thema anzustoßen (Ausschreibung angehängt). Da soll mal also in Lateinamerika UND in Afrika südlich der Sahara geforscht haben und noch eine Reihe weiterer Kriterien erfüllen. Eine solch enge Ausschreibung macht einen ausgewogenen, weitgehend objektiven Auswahlprozess doch sehr schwierig, um es vorsichtig zu sagen. Ob die Berufungskommission da wohl mitmacht?</p>
<p>Und dann gibt es da ja auch noch (mindestens) eine Vorgeschichte: Zum 1.10.2010 war eigentlich eine Juniorprofessur (W1) ausgeschrieben, sehr offen übrigens. Das Verfahren ist dann aber erstmal zum Stillstand gekommen, und jetzt gibt es also diese neue Stellenausschreibung …</p>
<p>Die Stellensituation für EthnologInnen ist (mit ganz wenigen Ausnahmen, z.B. Brasilien) sowieso ja schon mal einfach grauenhaft. Viele potentielle BewerberInnen kommen auf ohnehin schon sehr wenige verfügbare Stellen. Wenn dann die Stellenausschreibungen noch so verengt werden, dass nur ein quasi handverlesener Kreis (wenn überhaupt) in Frage kommt, dann schlägt das schon aufs Gemüt, oder?</p>
<p>Würde mich sehr freuen, wenn eine breitere Diskussion zu diesem – und ähnlichen – Verfahren zu Stande käme &#8211; es geht um unsere Zukunft!</p>
<p>Mit besten Grüßen aus Halle,</p>
<p>Florian Mühlfried.</p>
<p>_____</p>
<p>Hier gibt es die offizielle Ausschreibung als <a href="http://www.wildes-denken.de/uploads/Professur_HH.pdf">Download</a>.</p>
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		<title>Michel Foucault: Kritik der Gouvernementalität &amp; Gouvernementalität als Chance</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Jul 2010 11:34:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gregor Ritschel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft & Technik]]></category>
		<category><![CDATA[centres of calculation]]></category>
		<category><![CDATA[Foucault]]></category>
		<category><![CDATA[Gouvernementalität]]></category>
		<category><![CDATA[Leviathan]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Wie ist es möglich, daß man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – daß man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?&#8221;[1] So charakterisiert Michel Foucault die parallel zu den sich seit Anbeginn des 15. Jahrhunderts entwickelnden Regierungskünsten entstehende Intervention [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;Wie ist es möglich, daß man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – daß man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?&#8221;[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_0_437" id="identifier_0_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Foucault, Michel 1992: Was ist Kritik, Berlin: Merve Verlag. S. 11-12.">1</a>] So charakterisiert Michel Foucault die parallel zu den sich seit Anbeginn des 15. Jahrhunderts entwickelnden Regierungskünsten entstehende Intervention einer &#8220;kritischen Haltung&#8221;, die als Gegenstück der Regierungskunst, stets deren Partnerin und Wiedersacherin zugleich war.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_1_437" id="identifier_1_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. Foucault, Michel 1992: Was ist Kritik, Berlin: Merve Verlag. S. 12.">2</a>]</p>
<p><a href="#_ftn2"></a><img class="alignright size-medium wp-image-440" title="leviacault" src="http://www.wildes-denken.de/wp-content/uploads/2010/07/leviacault-300x249.jpg" alt="" width="300" height="249" /></p>
<p>Michel Foucaults historisches Interesse richtete sich Ende der siebziger Jahre auf die Frage nach der Möglichkeit einer guten Regierung, die ihrer Bevölkerung ein größtmögliches Maß an Freiheit anbietet. Kritik ist, und soll der Gegenpol und zugleich notwendiger Bezugspunkt einer solchen &#8216;Gouvernementalen Regierungskunst&#8217; sein. Bevor es hier im Weiteren darum geht aufzuzeigen, worin diese besteht, und wie sie sich entwickelt hat, bleibt festzuhalten, dass auch diese &#8216;gute Regierung&#8217; ohne Kritik an ihr nicht leben kann. In diesem Sinne schrieb Foucault: &#8220;Politik ist nicht mehr und nicht weniger als das, was mit dem Widerstand gegen die Gouvernementalität entsteht, die erste Erhebung, die erste Konfrontation.&#8221;[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_2_437" id="identifier_2_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 486.">3</a>]<span id="more-437"></span></p>
<p>Michel Foucaults analytisches Raster der &#8220;Gouvernementalität&#8221; versucht Regierungsrationalitäten und Programme historisch am Beispiel der Entwicklung der souveränen Staatsräson hin zur liberalen Regierungskunst aufzuzeigen. Nachlesbar ist seine Fahndung nach der Gouvernementalität in den Vorlesungen, die er Ende der siebziger Jahre am Collège de France in Paris hielt. Diese trugen den Titel &#8220;Sicherheit, Territorium, Bevölkerung&#8221; (1978) und &#8220;Die Geburt der Biopolitik&#8221; (1979). Beide Zusammen werden auch als die &#8220;Geschichte der Gouvernementalität&#8221; bezeichnet.</p>
<p>Schon der erste Titel hebt zwei entscheidende Elemente hervor: &#8216;das Territorium&#8217; und &#8216;die Bevölkerung&#8217;. Foucault meint hier einen historischen Wandel des Aufmerksamkeitsschwerpunktes der Regierung erkennen zu können. Die Sorge der Regierung galt immer weniger der eigenen territorialen Intergität und wandte sich stattdessen immer mehr der eigenen Bevölkerung zu. Was ist die Bevölkerung? Die Bevölkerung ist zunächst des Gegenteil einer anonymen Masse, sie ist etwas in Zeit und Raum Vermessenes und Kartographiertes. Das bedeutet, dass die Bevölkerung erst mit der historischen Erfindung der Statistik[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_3_437" id="identifier_3_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Statistik kommt etymologisch betrachtet vom lateinischen Wort statisticum was soviel hei&szlig;t wie &amp;#8216;den Staat betreffend&amp;#8217;. Daher wurden die Staatswissenschaften bis ins 18 Jh. Auch Statistik genannt. Ihre Aufgabe war das Sammeln und Analysieren von quantitativen Daten der Bev&ouml;lkerung.">4</a>] und der Sozialwissenschaften im weitesten Sinne entstand bzw. epistemologisch sichtbar wurde. Die Regierung stützt sich seit dem auf ein bestimmtes Wissen, das in &#8220;centres of calculation&#8221; von Experten erstellt wird.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_4_437" id="identifier_4_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. Rose, Nikolas; Miller Peter 1992: Political Power beyond the State: Problematics of Government, British Journal of Sociology 43(2): 173-205. S.185.">5</a>] Diese innere Logik der Gouvernementalität birgt jedoch die Gefahr der Depolitisierung in sich, insofern es bestimmten &#8220;wissenschaftlichen&#8221; Schulen gelingt, diese &#8220;centres of calculation&#8221; hegemonial zu besetzen.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_5_437" id="identifier_5_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Gegenw&auml;rtig spricht alles daf&uuml;r, dass die &amp;#8220;Rational choice theory&amp;#8221; dies Position inne hat. Diese ist besonders strak im angloamerikanischen Raum vertreten und in der Tat scheint sich heute niemand in der Politikberatung zu finden, der nicht in den USA Wirtschaftswissenschaften studiert hat oder aber Vertreter der &amp;#8220;Rational choice theory&amp;#8221; ist.">6</a>] Foucault selbst, geht auf diese Problematik nicht weiter ein und beschränkt sich in seiner Vorlesung auf die Rolle des deskriptiv arbeitenden Historikers bzw. Genealogen der Machtformationen.</p>
<p>So konstantiert er einen Prinzipienwandel in der Regierungskunst: galt es der souveränen Macht, die sich nur um sich selbst sorgt, sinngemäß &#8220;sterben zu machen und leben zu lassen&#8221;, so geht es der modernen &#8220;biopolitischen Regierung&#8221;, die sich um die Bevölkerung sorgt, darum &#8220;sterben zu lassen und leben zu machen&#8221;. Die Zwischenschritte dieser historischen Entwicklung sind zunächst die Entwicklung vom naturrechtlichen Souveränitätsmodell über die &#8216;gute Policey&#8217; der frühen Neuzeit bis hin zur liberalen Kritik am Politzeistaat und schließlich der liberalen Regierungsformation. Nimmt man das Wort &#8216;Mentalität&#8217; aus der Gouvernementalität herraus,[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_6_437" id="identifier_6_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ob dies von Foucault intendiert war oder nicht sei hier unbeachtet.">7</a>] wird ersichtlich, dass es der gouvernementalen Vernuft auch und vor allem auf die Bestimmung der Denkweise ihrer Subjekte, bzw. der Vorgabe eines Rahmens, innerhalb dessen das Denken ablaufen soll, ankommt. Dies steht im Gegensatz zu Theorie Hobbes &#8220;Der Leviathan&#8221; von 1651. Hobbes begnügte sich damit, die Menschen mit Furcht zu führen.</p>
<p>Warum sollten sich die Regierten aber auch mit ihrem Gehorsam gegenüber der Regierung völlig identifizieren? Auch hier ist der Schlüssel zum Verständis ein historischer. Folgt man Foucaults Ausführungen, so erkennt man, dass die klassische souveräne Staatsmacht, das Feudalsystem sowie auch die Kirche bzw. das bisher unhinterfragte monistische christliche Pastorat[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_7_437" id="identifier_7_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Foucault definiert mit Pastorat die christliche gepr&auml;gte Technik einer aufopfernden F&uuml;hrerschaft der Seelen.">8</a>] im 16. und 17. Jahrundert in die Krise geriet. Die Reformation und schließlich der Dreißigjährige Krieg zerrissen jede bis dahin gewachsene Form von Ordnung. Der Boom der Regierungsratgeber des 16. und 17. Jahrhundert ist auch eine Reaktion darauf. Es galt die zersprengte Gesellschaft wieder einzufangen, eine neue Ordnung zu stiften und vor allem die Bevölkerung wieder produktiv zu machen, zum Wachsen zu bringen. Das Mittel dafür war das Zusammengehen von staatlicher Souveränität und der Technik des Pastorats. Wurden bisher die Körper vom Staat beherrscht und die Seelen vom christlichen Pastorat geführt, so übernahm die neue gouvernementale Regierungskunst als Hybrid beide Aufgaben zugleich und wachte über den &#8216;neuen Menschen&#8217;, den Bürger der bürgerlichen Gesellschaft der Seele und Körper zugleich war.</p>
<p>Bestes Beispiel für die neue gouvermentale Symbiose der alten ordungsstiftenden Regime sind die 1698 gegründeten Franckeschen Stiftungen zu Halle. Hier wurde mit fürstlichen Wohlwollen die pietistische Glaubensgruppe beim Bau einer Reformschule utopischen Ausmaßes unterstützt mit dem Ziel, neue Subjekte heranzubilden, die ihrereseits – bestärkt durch ihren Glauben und ihre Moral – alles daran setzen werden die Gesellschaft &#8216;zum Besseren&#8217; d.h. zu mehr Produktivität zu führen. Dies wiederum ist von Vorteil für den Fürsten, für sein Territorium, wie für seine gesamte Bevölkerung.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_8_437" id="identifier_8_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. R&uuml;diger, Axel 2005: Staatslehre und Staatsbildung. die Staatswissenschaft an der Universit&auml;t Halle im 18. Jahrhundert, T&uuml;bingen: Niemeyer. S. 100 &ndash; 103.">9</a>]</p>
<p>Das Instrument gouvernementaler Vernuft wurde die &#8216;Policey&#8217; (Verwaltungswissenschaft) des 18. Jahrhunderts die, anders als die heutige Polizei, mit allen Berreichen der Lebensführung betraut wurde. Politik griff über die Policey nun nicht mehr nur auf die obersten Schichten eines feudalen Systems zu, sondern grub sich tief hinein in kleinste lebenspraktische Fragen des Alltags. Typische Policeytheoretiker waren Samuel Pufendorf, Chistian Thomasius und Christian Wolff, die sich kritisch mit Thomas Hobbes und auch Niccolò Machiavellis bereits in die Krise geratenen Souveränitätsmodell auseinandersetzten.</p>
<p>Innerhalb Foucaults Vorlesungen nimmt der Begriff der Regierung eine immer größere Rolle gegenüber dem des Staates ein. Der Staat ist für ihn immer nur ein Netz von regierenden Instanzen. Macht wird für Foucault nie nur von oben über Potenz ausgeübt, sondern findet sich stets überall in den alltäglichsten Beziehungen. Würde man nur von einer Staatsmacht reden, so liefe man Gefahr zu essentialisieren und tatsächliche vielfältige und ambivalente Machtbeziehungen auszublenden. In diesem Sinne sollte sich – so Foucault – nun endlich auch die politische Theorie vom Souveränitästsmodell der Macht befreien und ihren Fokus auf alltägliche Machtbeziehungen und regierende Instanzen lenken, die sich weit unter der Staatsebene befinden: &#8220;Was wir brauchen ist eine politische Philosophie, die nicht um das Problem der Souveränität [...] herum aufgebaut ist; man muss dem König den Kopf abschlagen, und in der politischen Theorie hat man das noch nicht getan&#8221;.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_9_437" id="identifier_9_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Foucault, Michel; Fontana, A.; Pasquino, P. 1976: &amp;#8220;Gespr&auml;ch mit Michel Foucault&amp;#8221;, In: Defert, Daniel; Ewald, Franc&ccedil;ois (Hrsg.) 2003: Michel Foucault: Schriften, Band III. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag. S. 200.">10</a>]</p>
<p>Die liberale Bewegung hat ihren Ursprung in einer Kritik gegenüber diesem &#8216;zu viel regiert zu werden&#8217;, das typisch für den Policeystaat war. Frühe liberale Regierungsprogramme fußten auf der Grundannahme einer Sphäre, die selbst keiner Regierung bedarf, da sie sich selbst natürlich regiert und formt: sie beriefen sich auf die Gesellschaft des Marktes. Der Mensch innerhalb eines liberalen Regierungssystems muss also einzig dahin gebracht werden, frei zu sein, am Markt teilzunehmen. Dies ist die Essenz des liberalen Freiheitsbegriffes. Die Errungenschaft der bürgerlichen Revolutionen waren Rechte gegenüber dem Staat, der bis dahin fast willkürlich herrschte und der im Paradigma der souveränen und policeystaatlichen Regierungsrationalität Gefahr lief, durch ein &#8216;zu viel Herrschen&#8217; kreative unternehmerische Potentiale zu erdrücken. Der Staat soll nun einzig die Sicherheit des Marktplatzes vor Räubern und Dieben gewährleisten. Ein Meilenstein der Bürgerrechte war der 1679 in England beschlossene &#8220;Habeas Corpus Act”, der den englischen Bürgern das Recht gegenüber dem Staat garantierte, nicht ohne Grund und richterlichen Beschluss festgesetzt zu werden.</p>
<p>Die Freiheit der liberalen Gesellschaft hat jedoch auch eine züchtige Zwillingsschwester: Die Disziplin, die in ihren spinnennetzartig in der neuen Gesellschaft wuchernden Schulen, Krankenhäusern und Fabriken mit harter – und nicht immer direkt sichtbarer – Hand herrschte.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_10_437" id="identifier_10_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. Foucault, Michel 2008: &Uuml;berwachen und Strafen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 285.">11</a>] Die Disziplin bildete die normierten Seelen heran, die zum &#8216;Gefängnis der Körper&#8217; wurden. Freiheit und Zwang innerhalb einer liberalen Gesellschaft sind notwendig eng ineinander verwoben und aufeinander angewiesen. Ohne Disziplin keine Akkumulation des Kapitals, und ohne diese kein Wachstum, kein staatslegitimierender &#8220;Wohlstand für Alle&#8221;. Eine jede liberale Regierung muss darauf bedacht sein, das richtige Gleichgewicht zwischen Zwang und Freiheit zu finden. Gelingt dies, so gibt es die Möglichkeit des Wohlstands, ohne dass eine faktische gesellschaftliche Gleichheit realisiert oder auch nur erwünscht ist. Soziale Unterschiede scheinen schon durch die Arbeitsteilung der industriellen Gesellschaft notwendig und inhärent. Armut beispielsweise wird vom Liberalismus nicht als systemimmanent, sondern als ein moralisches Problem pathologischer Individuen angesehen.</p>
<p>Die &#8220;Gouvernementalität der Gegenwart&#8221;[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_11_437" id="identifier_11_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Siehe dazu: Br&ouml;ckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (Hrsg.) 2000: Gouvernementalit&auml;t der Gegenwart. Studien zur &Ouml;konomisierung des Sozialen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.">12</a>] wird von Foucault weitgehend mit dem liberalen Programm einer &#8220;minimalen&#8221; Regierung indentifiziert. Es geht im libralen Regierungsprogramm darum, ihren Subjekten größtmögliche Freiheit anzubieten, ohne sie direkt und paradox zur Freiheit zu zwingen.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_12_437" id="identifier_12_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 97.">13</a>] Dafür bedient sich die Regierung administrativer Rahmensetzungen die Handlungsmöglichkeiten eingrenzen, aber auch aufzeigen sollen. Grundlegend ist hier Foucaults Auffassung, dass alle Subjekte, auf die Macht ausgeübt wird, notwendig frei sein müssen. Nur derjenige, der eine Auswahl treffen kann, ist frei und somit auch beeinflussbar. Auch die Regierungsmacht setzt daher immer freie Subjekte voraus und ist daher nie purer Zwang.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_13_437" id="identifier_13_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. Foucault, Michel: &amp;#8220;Subjekt und Macht&amp;#8221;, In: Defert, Daniel; Ewald, Franc&ccedil;ois (Hrsg.) 2005: Michel Foucault: Schriften, Band IV. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag. S. 286.">14</a>]</p>
<p>Die Freiheit, die die gegenwärtigen Regierungsrationalität zu realisieren versucht, ist allerdings nur in einem bestimmten Sinne: im liberalen bzw. ökonomischen Sinne zu verstehen. Die liberale Freiheit ist keine sozialsitische Freiheit, die als Gegenpol angeführt werden könnte.</p>
<p>Die liberale Gouvernementalität geriet – wie schon die Regierungsrationalitäten vor ihr – in die Krise, weil sie nicht nur Arbeistlosigkeit, Armut und Unzufriedenheit produzierte, sondern auch Wirtschaftskrisen nicht verhindern konnte. Der Markt brachte also keinen Wohlstand für alle, der Markt konnte sich nicht einmal von selbst halten. Scheinbar führte er sogar zu Kriegen und kolonialen Ausbeutugssystemen. So stellte es sich zumindest aus der Perspektive des Sozialismus dar, der als Kritik des Liberalismus im 19. Jahrhundert entstand. Neben diesem rief der Liberalismus auch in gewisser Weise den Nationalismus, Rassismus und Nationalsozialismus hervor, die jeweils auf ihre eigene Art und Weise dem Partikularismus des Marktes eine neue Form von Gemeinschaft gegenüberstellten.</p>
<p>Der in die Defensive geratene Liberalismus suchte nun nach neuen Antworten. John Maynard Keynes entwarf in den neunzehndreißiger Jahren eine Form des Staatsinterventionismus. Der Keynesianismus unternahm den Versuch, mittels staatlicher Eingriffe die Wirtschaft anzukurbeln und mit Sozialhilfe den Konsum der Unterschichten zu sichern. Nach dem zweiten Weltkrieg, der in den Augen des Liberalismus ein für alle Mal die Gefahr &#8216;normativer Politik&#8217; aufgezeigt hatte, gewann der Liberalismus wieder die Oberhand, wenn auch in gemäßigter sozialverträglicher Form. Der neue Liberalismus der Nachkriegszeit (Foucault nennt ihn Neoliberalismus) stützte sich nicht nur auf Keynesianismus sondern entwickelte weitere neue Konzepte, wie den Ordoliberalismus in Deutschland. Der Ordoliberalismus ging davon aus, dass der Staat über den Markt herrschen müsse und diesen vor seinen inhärenten Selbstzerstörungs- und Monopolisierungslogiken beschützen müsste. Die Ordoliberalen sahen im Markt nichts Natürliches, sondern ein Kunstprodukt, das es mit Kunstfertigkeit zu erhalten galt. Der Staat selbst bezog seine Legitimation nach dem zweiten Weltkrieg nur noch aus seiner Fähigkeit, den Markt zu realisieren und mit dem Markt den Wohlstand. Der Staat diente dem Markt und somit den Menschen des Marktes. Auch die keynsianische Sozialliberale Koalition bis zur Regierung Helmut Schmidt fallen für Foucault unter die Regierungsrationalität des Neoliberalismus.</p>
<p>Heute meint man mit Neoliberalismus eher eine andere Schule, die parrallel verlief, und die den scheinbar automatisch Staatsschulden verursachenden Keynsianismus (den Foucault zum Neoliberalismus zählt) durchaus kritisch betrachtete. Diese Traditionslinie verläuft über die Ökonomen Ludwig von Mieses, Friedrich August von Hayek bis zu deren Schülern Margaret Thatcher und Ronald Reagen – und darüber hinaus. In dieser Traditionslinie ist das Vertrauen auf den Markt unbegrenzt. Alles, auch die Regierung, wird den Gesetzen des Marktes unterworfen, der im Gegensatz zum Keynsianismus und Ordoliberalismus wieder als etwas Naturwüchsiges konzeptualisiert wird. Gab es je eine Krise, so lag die Ursache nicht etwa in einer zu geringen Staatsintervention, sondern in der bloßen Tatsache einer Staatsintervention. Neoliberale dieser Traditionslinie sehen zwar die sozialen Probleme die durch die Zurücknahme des Sozialstaats produziert werden, nehmen diese aber aufgrund ihrer &#8216;Präferenzordnung&#8217; ohne weiters in Kauf: Ihrer Regierungsrationalität getreu folgend, war es Margaret Thatchers erste politische Amsthandlung als Kultus- und Wirtschaftsministerin, die staatlich sichergestellte Gratismilch an Primärschulen zu streichen, was ihr den Spitznamen &#8220;Margret Thatcher, the milk snatcher&#8221; einbrachte.</p>
<p>Diese normative Engführung der Freiheit basiert auf dem Menschenbild des Liberalismus. Das Subjekt und Objekt einer liberalen Regierungskunst ist der Homo oeconomicus, der stets seinen unmittelbaren Präferenzen folgt. Foucault verweist in seiner Vorlesung exemplarisch auf Gary S. Beckers &#8220;Human Capital Theory&#8221;, die in den siebziger Jahren einen wichtigen theoretischen Anstoss zum politischen Neoliberalismus gab.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_14_437" id="identifier_14_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 307-324.">15</a>] Foucault schlussfolgert, dass der egoistische Homo oeconomicus gerade durch seine unmittelbare Präferenzenfixiereung durch negative und positive Anreizsysteme &#8220;eminent regierbar&#8221; ist. Die Schaffung von Rahmen ist das sogenannte gouvernementale Prinzip der &#8220;Führung der Führung&#8221;. So sollen besipielsweise Verbrecher (egal wie pathologisch) im liberalen System durch möglichst hohe &#8220;negative Anreize&#8221; (Strafen) dazu gebracht werden, vor Verbrechen zurrückzuschrecken, wobei immer zugleich bedacht werden muss, dass der Aufwand des Strafens und Überwachens nicht unökonomisch werden darf. Es geht also um eine permanente Berechnung des Grenznutzens auf allen Seiten der gesellschaftlichen Teilnehmer am Machtspiel.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_15_437" id="identifier_15_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 343-359.">16</a>]</p>
<p>In diesem Paradigma, das oftmals als purer Sozialdarwinismus kritisiert wird, ist jeder wieder &#8216;seines eigenen Glückes Schmied&#8217; oder aber &#8216;selbst Schuld&#8217;, der Staat oder das politische System ist jedenfalls nicht verantwortlich. Der politische Körper des Leviathans wird zunächt verschlankt,[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_16_437" id="identifier_16_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. Fach, Wolfgang: Staatsk&ouml;rperkultur 2000. Ein Traktat &uuml;ber den schlanken Staat. In: Br&ouml;ckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (Hrsg.): Gouvernementalit&auml;t der Gegenwart. Studien zur &Ouml;konomisierung des Sozialen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 110 -130.">17</a>] und schließlich aufgelöst, bis sich alle Menschen ohne &#8216;normatives Regelwerk&#8217; einander gegenüberstehen und frei sind sich in &#8220;communities&#8221; zu engagieren.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_17_437" id="identifier_17_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. Kreissl, Reinhard: Community. In: Br&ouml;ckling, Ulrich; Susanne Krassmann; Lemke, Thomas (Hrsg.): Glossar der Gegenwart, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.">18</a>] Die soziale Verantwortung, die der Staat aus Kostengründen nicht mehr tragen will, wird in die Subjekte selbst transferiert. Diese sollen Verantwortung gegenüber sich selbst und ihrer community übernehmen. Die Form der community ist kontingent, sie kann eine Familie, eine Versicherung, eine Abstammungsgemeinschaft oder eine &#8220;gated commuity&#8221; (eine von privaten Sicherheitsdiensten bewachte Siedlung) sein. Alle Formen sollen mehr oder weniger marktwirtschaftlich agieren. Es werden also durchaus Anreize zur Bildung von marktwirtschaftlichen Knotenpunkten gesetzt, die Teilgesellschaften regieren, aber der Staat als Meta-Instanz ist in der Regierungsmentalität des Neoliberalismus nicht erwünscht. Der Staat ist heute ideologisch das Schmuddelkind, das höchstens noch zum Nachtwächterstaat taugt und das obwohl seine faktische Macht bis heute weit hinein in den Körper – bis tief in unsere Pupille – hineinreicht.</p>
<p>Bisher wurde deutlich, dass die Gouvernementalität der Gegenwart, trotz ihres selbsterwählten Anspruchs &#8216;alles so einzurichten, dass ein jeder frei ist&#8217;,[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_18_437" id="identifier_18_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 97.">19</a>] in Ambivalenzen schillert. Zusammenfassend gilt es daher zu erläutern, wo die konkreten Probleme und inhärenten Gefahren der Gouvernementalität der Gegenwart liegen könnten.</p>
<p>Trotz aller wissenschaftlicher sozialtechnischer Vermessung besteht die Schwierigkeit, dass die unmittelbare Präferenz des wählenden Wesens Homo oeconomicus immer erst im Nachhinein mit Sicherheit festgestellt werden kann. Problematisch ist auch der von der Regierung vorgegebene Handlungsrahmen, der außerhalb des postulierten Spektrums stehende Alternativen aus dem Sichtbarkeitsfeld verschwinden lässt. Emanzipatorisch oder revolutionär wäre hier ein Aufschiebendes &#8220;Ich möchte lieber nicht&#8221; Herman Melvilles Bartleby, oder eine Zurückweisung von vorgegebenen Alternativen, die – insofern sie akzeptiert werden – den Wählenden als einen Homo oeconomicus ausweisen. Jede Wahl ist hier ein Bekenntnis.</p>
<p>Zudem ist fraglich, ob ein liberaler Regierungskomplex, der eine Symbiose mit einer &#8216;sozialwissenschaftlich – statistisch – kommerziellen Feedbackmaschine&#8217; eingegangen ist, den Rahmen der Handlungsmöglichkeiten immer stärker verengt, oder besser immer enger auf die Regierten zuschneidet, bis er sie zur Bewegungslosigkeit verdammt. Gouvernementalität scheint aus ihrer Eigenlogik heraus zu einer &#8216;sachgerechten&#8217; Verwaltungslogik über die Dinge zum Zwecke der &#8220;Freiheit&#8221; zu verkommen. Der angebliche Scheinwiderspruch gouvernementaler Vernunft scheint beim Wiederspruch des erdrückenden &#8216;Imperativs zur Freiheit&#8217; stehenzubleiben, &#8220;bis wir alle immer tun müssen, was wir wollen&#8221;.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_19_437" id="identifier_19_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Br&ouml;ckling, Ulrich: &bdquo;Wir m&uuml;ssen immer tun, was wir wollen!&amp;#8221;, Vortrag gehalten am 24.03.2010 auf der Tagung: &amp;#8220;Vom Zwang zur Freiheit, Zur Unterscheidbarkeit von Freiheit und Zwang: Freisetzung und Vergesellschaftung des Subjekts von der Aufkl&auml;rung bis in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts&rdquo;, Ein Kolloquium des Exzellenznetzwerks &bdquo;Aufkl&auml;rung &ndash; Religion &ndash; Wissen&ldquo;, des Interdisziplin&auml;ren Zentrums f&uuml;r die Erforschung der Europ&auml;ischen Aufkl&auml;rung (IZEA) und des Forschungszentrums &bdquo;Laboratorium Aufkl&auml;rung&ldquo;.">20</a>] Und falls doch etwas gewollt wird, was weniger rational erscheint als das, was nach statistischem Kalkül die Mitte der Gesellschaft eigentlich wollen müsste, so haben die Abweichler auch die Konsequenzen für ihre tendentiell pathologischen Wünsche zu tragen. Raucher werden beispielsweise aus Solidaritätsgemeinschaften wie Versicherungen herausgedrängt oder müssen, je nach individualisiertem Risiko, höhere Beiträge leisten.</p>
<p>Ein anderes Beispiel, das uns das &#8216;Paradox der erzwungenen Wahl&#8217;[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_20_437" id="identifier_20_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Zizek, Slavoj 1991: Liebe dein Symptom wie dich selbst!, Merve Verlag: Berlin. S. 121-123.">21</a>] vor Augen führt: So kann sich der als pathologisch behandelte Hartz-IV-Empfänger zwar offiziell entscheiden, eine ihm angebotene Fortbildungsmaßnahme von möglicherweise zweifelhaftem Nutzen anzutreten. Faktisch aber kann er diese nicht ablehnen, da ihm sonst seine Sozialbezüge gekürzt werden. Zumindest in diesem Beispiel besteht somit der Verdacht, dass das gouvernementale Programm seinen eigenen Anspruch &#8216;Freiheit zu ermöglichen&#8217; ins Gegenteil verkehrt hat. Wo eine gouvernementale Regierungskunst sich vornahm, durch die Setzung von Rahmen &#8216;sanft zu führen&#8217;, läuft sie gegenwärtig Gefahr, diese Rahmen der Handlungsmöglichkeiten so zu verengen, dass nichts als ein ideologischer Anspruch eines freien Feldes der Möglichkeiten übrig bleibt.</p>
<p>Die Frage, die heute im Raum steht und die innerhalb der sogenannten „Gouvernmentality Studies“ diskutiert werden sollte, ist die Frage danach ob ein in seiner Tendenz scheinbar technokratisches kalkulierendes &#8216;gouvernementales&#8217; Regime, das bis auf kleinste Ebenen mit Anreizsetzungen regiert und stets darauf bedacht ist Risiken (aber auch Kosten) zu vermeiden, überhaupt noch Spielraum lässt für Politik im Sinne gesellschaftlicher Entscheidungen. Wo die Gouvernementalität Freiheit ermöglichen sollte, läuft sie Gefahr zu einem quasi &#8216;gouvernemen-totalitären&#8217; Überwachungssystem zu werden, das seinem Objekt nur die Freiheit zwischen zwei Alternativen lässt: sich &#8216;richtig&#8217; oder sich &#8216;falsch&#8217; zu entscheiden.</p>
<p>Um das einführende Zitat zu wiederholen, bleibt an dieser Stelle nur mit Foucault zu sagen: &#8220;Politik ist nicht mehr und nicht weniger als das, was mit dem Widerstand gegen die Gouvernementalität entsteht, die erst Erhebung, die erste Konfrontation.&#8221;[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_21_437" id="identifier_21_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 486.">22</a>]</p>
<p>Dennoch kann dies aber nicht heißen, die Gouvernementalität als Regierungsprogramm zu verdammen, vielmehr muss es darum gehen, sie durch konstruktive Kritik vom falschen Kurs einer Verengung auf liberale Freiheiten und das Menschenbild des Homo oeconomicus abzubringen und sie auch auf die Realisierung sozialer Freiheiten hinzuwenden. Es geht also darum, durch Kritik zu politisieren und das Bewusstsein dafür zu wahren, dass alles politisierbar ist. Wenn dies gelingt, kann die Gouvernementalität als Regierungskunst tatsächlich zu einer „singulären Allgemeingültigkeit“ werden, die Gesellschaft herstellt, anstatt sie in kalkulierenden Individuen aufzulösen.[<a href="http://www.wildes-denken.de/2010/07/michel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance/#footnote_22_437" id="identifier_22_437" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 482.">23</a>]</p>
<hr size="1" />
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_437" class="footnote">Foucault, Michel 1992: Was ist Kritik, Berlin: Merve Verlag. S. 11-12.</li><li id="footnote_1_437" class="footnote">Vgl. Foucault, Michel 1992: Was ist Kritik, Berlin: Merve Verlag. S. 12.</li><li id="footnote_2_437" class="footnote">Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 486.</li><li id="footnote_3_437" class="footnote">Statistik kommt etymologisch betrachtet vom lateinischen Wort statisticum was soviel heißt wie &#8216;den Staat betreffend&#8217;. Daher wurden die Staatswissenschaften bis ins 18 Jh. Auch Statistik genannt. Ihre Aufgabe war das Sammeln und Analysieren von quantitativen Daten der Bevölkerung.</li><li id="footnote_4_437" class="footnote">Vgl. Rose, Nikolas; Miller Peter 1992: Political Power beyond the State: Problematics of Government, British Journal of Sociology 43(2): 173-205. S.185.</li><li id="footnote_5_437" class="footnote">Gegenwärtig spricht alles dafür, dass die &#8220;Rational choice theory&#8221; dies Position inne hat. Diese ist besonders strak im angloamerikanischen Raum vertreten und in der Tat scheint sich heute niemand in der Politikberatung zu finden, der nicht in den USA Wirtschaftswissenschaften studiert hat oder aber Vertreter der &#8220;Rational choice theory&#8221; ist.</li><li id="footnote_6_437" class="footnote">Ob dies von Foucault intendiert war oder nicht sei hier unbeachtet.</li><li id="footnote_7_437" class="footnote">Foucault definiert mit Pastorat die christliche geprägte Technik einer aufopfernden Führerschaft der Seelen.</li><li id="footnote_8_437" class="footnote">Vgl. Rüdiger, Axel 2005: Staatslehre und Staatsbildung. die Staatswissenschaft an der Universität Halle im 18. Jahrhundert, Tübingen: Niemeyer. S. 100 – 103.</li><li id="footnote_9_437" class="footnote">Foucault, Michel; Fontana, A.; Pasquino, P. 1976: &#8220;Gespräch mit Michel Foucault&#8221;, In: Defert, Daniel; Ewald, Francçois (Hrsg.) 2003: Michel Foucault: Schriften, Band III. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag. S. 200.</li><li id="footnote_10_437" class="footnote">Vgl. Foucault, Michel 2008: Überwachen und Strafen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 285.</li><li id="footnote_11_437" class="footnote">Siehe dazu: Bröckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (Hrsg.) 2000: Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.</li><li id="footnote_12_437" class="footnote">Vgl. Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 97.</li><li id="footnote_13_437" class="footnote">Vgl. Foucault, Michel: &#8220;Subjekt und Macht&#8221;, In: Defert, Daniel; Ewald, Francçois (Hrsg.) 2005: Michel Foucault: Schriften, Band IV. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag. S. 286.</li><li id="footnote_14_437" class="footnote">Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 307-324.</li><li id="footnote_15_437" class="footnote">Vgl. Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 343-359.</li><li id="footnote_16_437" class="footnote">Vgl. Fach, Wolfgang: Staatskörperkultur 2000. Ein Traktat über den schlanken Staat. In: Bröckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (Hrsg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 110 -130.</li><li id="footnote_17_437" class="footnote">Vgl. Kreissl, Reinhard: Community. In: Bröckling, Ulrich; Susanne Krassmann; Lemke, Thomas (Hrsg.): Glossar der Gegenwart, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.</li><li id="footnote_18_437" class="footnote">Vgl. Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 97.</li><li id="footnote_19_437" class="footnote">Bröckling, Ulrich: „Wir müssen immer tun, was wir wollen!&#8221;, Vortrag gehalten am 24.03.2010 auf der Tagung: &#8220;Vom Zwang zur Freiheit, Zur Unterscheidbarkeit von Freiheit und Zwang: Freisetzung und Vergesellschaftung des Subjekts von der Aufklärung bis in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts”, Ein Kolloquium des Exzellenznetzwerks „Aufklärung – Religion – Wissen“, des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) und des Forschungszentrums „Laboratorium Aufklärung“.</li><li id="footnote_20_437" class="footnote">Zizek, Slavoj 1991: Liebe dein Symptom wie dich selbst!, Merve Verlag: Berlin. S. 121-123.</li><li id="footnote_21_437" class="footnote">Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 486.</li><li id="footnote_22_437" class="footnote">Foucault, Michel 2005: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 482.</li></ol><p><!--[if IE]><iframe frameborder="0" allowTransparency="true" class="addtoany_special_service facebook_like" src="http://www.facebook.com/plugins/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2010%2F07%2Fmichel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance%2F&amp;layout=button_count&amp;show_faces=false&amp;width=75&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;height=20&amp;ref=addtoany" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:90px;height:21px"></iframe><![endif]--><!--[if !IE]><!--><iframe class="addtoany_special_service facebook_like" src="http://www.facebook.com/plugins/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2010%2F07%2Fmichel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance%2F&amp;layout=button_count&amp;show_faces=false&amp;width=75&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;height=20&amp;ref=addtoany" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:90px;height:21px"></iframe><!--<![endif]--><!--[if IE]><iframe frameborder="0" allowTransparency="true" class="addtoany_special_service twitter_tweet" src="http://platform.twitter.com/widgets/tweet_button.html?url=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2010%2F07%2Fmichel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance%2F&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2010%2F07%2Fmichel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance%2F&amp;count=none&amp;text=Michel%20Foucault%3A%20Kritik%20der%20Gouvernementalit%C3%A4t%20%26%23038%3B%20Gouvernementalit%C3%A4t%20als%20Chance" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:55px;height:20px"></iframe><![endif]--><!--[if !IE]><!--><iframe class="addtoany_special_service twitter_tweet" src="http://platform.twitter.com/widgets/tweet_button.html?url=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2010%2F07%2Fmichel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance%2F&amp;counturl=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2010%2F07%2Fmichel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance%2F&amp;count=none&amp;text=Michel%20Foucault%3A%20Kritik%20der%20Gouvernementalit%C3%A4t%20%26%23038%3B%20Gouvernementalit%C3%A4t%20als%20Chance" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:55px;height:20px"></iframe><!--<![endif]--><!--[if IE]><iframe frameborder="0" allowTransparency="true" class="addtoany_special_service google_plusone" src="https://plusone.google.com/u/0/_/%2B1/fastbutton?url=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2010%2F07%2Fmichel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance%2F&amp;size=medium&amp;count=false" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:32px;height:20px"></iframe><![endif]--><!--[if !IE]><!--><iframe class="addtoany_special_service google_plusone" src="https://plusone.google.com/u/0/_/%2B1/fastbutton?url=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2010%2F07%2Fmichel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance%2F&amp;size=medium&amp;count=false" scrolling="no" style="border:none;overflow:hidden;width:32px;height:20px"></iframe><!--<![endif]--><a class="a2a_dd a2a_target addtoany_share_save" href="http://www.addtoany.com/share_save#url=http%3A%2F%2Fwww.wildes-denken.de%2F2010%2F07%2Fmichel-foucault-kritik-der-gouvernementalitat-gouvernementalitat-als-chance%2F&amp;title=Michel%20Foucault%3A%20Kritik%20der%20Gouvernementalit%C3%A4t%20%26%23038%3B%20Gouvernementalit%C3%A4t%20als%20Chance" id="wpa2a_6">Weitersagen</a></p>

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		<title>Bildkonjunkturen Teil II oder Eine Replik auf „das Leiden anderer betrachten“</title>
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		<pubDate>Sat, 10 Apr 2010 19:37:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Müller</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Bildanthropologie]]></category>
		<category><![CDATA[Bilder]]></category>
		<category><![CDATA[Bildwissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Das fliegende Auge Das Fliegende Auge (1983) Trailer [Braddock and Murphy have watched Blue Thunder perform a selective firepower demonstration] Icelan: Well, look at that, all the red dummies are blown to hell. Frank Murphy: And a few white ones! Fletcher: One civilian dead for every ten terrorists. That&#8217;s an acceptable ratio. Frank Murphy : [...]


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<li><a href='http://www.wildes-denken.de/2010/04/leiden-anderer-betrachten-come-on-let-us-shoot/' rel='bookmark' title='Das Leiden anderer betrachten: „Come on, let us shoot!“'>Das Leiden anderer betrachten: „Come on, let us shoot!“</a></li>
<li><a href='http://www.wildes-denken.de/2010/01/scanne-mich-denn-es-ist-hubsch-uber-nacktscanner/' rel='bookmark' title='Scanne mich, denn es ist hübsch! &#8211; Über Nacktscanner'>Scanne mich, denn es ist hübsch! &#8211; Über Nacktscanner</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">Das fliegende Auge</p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://www.youtube.com/watch?v=sd3lDhyM21M&amp;feature=related" target="_blank">Das Fliegende Auge (1983) Trailer</a></p>
<p style="text-align: left;">[<em>Braddock and Murphy have watched Blue Thunder perform a selective firepower demonstration</em>]<br />
<span style="color: #000000;"><a href="http://www.imdb.com/name/nm0736259/" target="_blank">Icelan</a>: Well, look at that, all the red dummies are blown to hell.<br />
<a href="http://www.imdb.com/name/nm0001702/" target="_blank">Frank Murphy</a>: And a few white ones!<br />
<a href="http://www.imdb.com/name/nm0790905/" target="_blank">Fletcher</a>: One civilian dead for every ten terrorists. That&#8217;s an acceptable ratio.<br />
<a href="http://www.imdb.com/name/nm0001702/" target="_blank">Frank Murphy</a></span> : [<em>Leaning closer to Braddock</em>] Unless you&#8217;re one of the civilians!</p>
<p style="text-align: left;">Die oben zitierte Passage stammt aus dem Film Blue Thunder, aus dem Jahre 1983 und ist den deutschen Lesern wohl eher unter dem Titel: “Das fliegende Auge” (ein für unser Anliegen bemerkenswert, konsistenter Titel) bekannt. Die Szene aus der dieses Zitat stammt, zeigt einerseits den High-Tech Kampfhubschrauber „Blue Thunder“ wie er fachgerecht einen Schießplatz mit menschlichen Attrappen, mit Hilfe seiner Bordkanone ohne viel Mühe, in tausend Teile dividiert. Dies geht scheinbar ohne große Rücksicht darüber von statten, ob es sich bei den verschieden, farbig markierten Attrappen um imaginäre Opfer oder Täter handelt. Die hochgerüstete Maschine mit ihrer gewaltigen Bewaffnung ist trotz feinster Boardelektronik  und Überwachungstechnologie inklusive eines eigens dafür ausgebildeten Piloten, scheinbar nicht dazu gemacht worden, den „feinen Unterschied“ erkennen zu sollen. Die Actionsequenz wird goutiert von einer Personengruppe, scheinbar hochrangiger Vertreter von Militär und Sicherheitsinstitutionen postiert auf einer Zuschauertribüne. Sie scheinen durchaus beeindruckt von der Durchschlagskraft dieser „Wunderwaffe“ und die finale Replik des Protagonisten Frank Murphy (Roy Scheider): „Unless you’re one of the civilians!“, kann eher als sarkastischer Kommentar der indirekten Bewunderung, denn als wirklich ernst gemeinte Kritik an dem Gesehenen gewertet werden. Der Film, ein Mix aus Science Fiction (wissenschaftlicher Fiktion) und Actionthriller mit Roy Scheider in der Hauptrolle, soll genutzt werden als Ausgangspunkt, für eine Replik auf den Beitrag von Friedemann Ebelt „das Leiden anderer betrachten: „Come on, let us shoot!“. Gleichzeitig soll hiermit auch die Fortführung der Kolumne „Bildkonjunkturen – Auf den Schnellstraßen des Ikonischen“ voran getrieben werden.<span id="more-332"></span></p>
<p style="text-align: left;">Diese Zusammenführung macht daher Sinn, da ich im ersten Teil meiner Kolumne bereits von einem „mit Bildern bewaffneten Konflikt zum Erhalt unserer systemischen Ordnung“ sprach und damit durchaus, nicht nur im übertragenen Sinne, die propagandistischen Bilder, innerhalb bewaffneter Konflikte meinte. Es soll im Folgenden hier nun versucht werden den rezeptiven Mittelweg zu suchen, den Friedemann in seinem Beitrag als das Dazwischen eines „‘normalen Kriegsalltags’ (<a href="http://www.newsrealblog.com/2010/04/06/supporting-the-decision-of-the-soldiers-in-the-wikileaks-video/" target="_blank">NRB</a>) oder eines ‘unmenschlichen Gewaltexzesses’ (<a href="http://www.jungewelt.de/2010/04-07/063.php" target="_blank">JW</a>)“ beschrieben hat.</p>
<p style="text-align: left;">Das kollektive Gedächtnis der Kultur</p>
<p style="text-align: left;">Mein Ansatz lautet demnach: Das Einsetzen eines verantwortungsbewussten Umgangs mit diesen Bildern / Aufnahmen / medialen Repräsentationen ist erst dann möglich, wenn man beachtet, dass sie bereits eine tief im „kollektiven Gedächtnis unserer Kultur“ (Belting 2001: S.66) verankertes Pendant haben. Dieses verankerte Pendant von Bildern, wird von Hans Belting als ein möglicher Ort der Bilder klassifiziert, dem sich jeder Mensch nicht entziehen kann, da sein eigener Körper im Wechselspiel mit diesem kollektiven Gedächtnis, seine eigenen örtlichen und räumlichen Erfahrungen und Erinnerungen umwandelt in Bilder. Ein jeder Mensch kompensiert damit „die Flucht der Zeit und den Verlust des Raumes, den wir in unseren Körpern erleiden.“ (Belting 2001: S.65.)</p>
<p style="text-align: left;">Die Annahme die sich im Rekurs auf diese Argumentation, beim Sichten des Videos ergab, war das wir in unserem „kollektiven Gedächtnis“ bereits über ein mannigfaltiges Repertoire an ähnlichen Bildern verfügen. Dieses Repertoire ist dafür verantwortlich, uns den Umgang mit diesem Video, doch auf einer Seite erheblich zu erleichtern, und letztlich auf einer moralischen oder gewissenhaften Umgangsebene jedoch, extrem zu erschweren. Denn einerseits und dies ist doch beachtlich, versteht der geneigte Betrachter sehr schnell was scheinbar in diesem Dokument aus Bewegtbildern passiert. Die Assoziationen um die es hier letztlich geht, sind nämlich alle bereits scheinbar mehr oder weniger in uns verankert: Krieg, Tötung aus dem sicheren Hinterhalt der Aviationsperspektive, Luftaufnahmen der Überwachung, Explosionen und die Relation von Schuss und Einschlag ballistischer Projektile trotz gehemmter Geräuschkulisse etc.…</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Kann das Gesehene noch authentisch sein?</p>
<p style="text-align: left;">Andererseits fragen sich bestimmt nicht wenige Betrachter ob es wirklich richtig ist, sich diesen Bildern auszusetzen, solange es sich  (wie es die Philosophie von Wikileaks, dem Distributor dieses Videos, vorschreibt) um authentisches Material handelt. Material also, in dem reale Menschen in einem realen Akt der Ungerechtigkeit ums Leben kamen. Doch die Frage die sich daraus ableitet ist doch ob wir, ganz ähnlich der enthobenen Perspektive der Piloten, überhaupt noch in der Lage sein können, diese Bilder als etwas wirklich Authentisches zu klassifizieren? Folgen wir Beltings Argumentation weiter, so lässt sich doch feststellen dass wir bei allen verinnerlichten und in zweiter Instanz erinnerten Bildern stets zum Regisseur unserer eigenen Bilderwelt werden und ganz automatisch zwischen Fakt und Fiktion eine muntere Montage betreiben, die der räumlichen Wirklichkeit in keinem Fall entsprechen kann. Der Körper bewegt sich zwar stets in einem eigenen Chronotopos, die Erinnerungen und demnach auch die erinnerten Bilder jedoch introspektiv ohne diese Konstanten auskommen müssen (wenn man von der Annahme absieht, dass ein sich erinnernder Mensch niemals ortsungebunden seine Erinnerungsphasen vollführen kann).</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Die Trennung von Imagination und Fiktion und schließlich die Lossagung der selbst gemachten Erfahrung</p>
<p style="text-align: left;">Weiter mit Belting argumentiert, kommt aber noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu der auch die Kernthese dieser Kolumne werden soll: Der Mensch hat in seinem Umgang mit den Bildern eine Trennung vollzogen, zwischen der Imagination und der Fiktion. Diese Trennung wird katalytisch befeuert durch die neuen Medien und ihren „Bildern von einer virtuellen Welt“ (Belting 2001: S.81). In dieser Welt gibt der menschliche Körper sich der Illusion hin, nur noch als Schnittstelle aufzutreten um die entkörperlichten Reize in Form von digitalen Bildern und Informationen zu verarbeiten. Ein wichtiger Punkt des menschlichen Seins scheint hier übersprungen und sich immer weiter fortwährend zu marginalisieren. Gemeint ist die Tatsache, dass ein Körper überhaupt noch dazu befähigt wird, Erfahrungen und Erlebnisse selbst tätigen zu können. Eine aktive körperliche Präsenz in der Raumzeit wird nach und nach ersetzt, durch eine avatarische Präsenz in virtuellen Räumen. Es geht dabei natürlich nicht darum eine dystopische Welt heraufzubeschwören, die tatsächlich ist wie die Welt in den Romanen der Neuromancer-Trilogie oder eben deren filmischer Entsprechung der Matrix-Trilogie. Es geht vielmehr darum diese Entwicklung transparent zu machen, die von der ausgiebigen Nutzung des Fernsehers über den Kinobesuch hinüberreicht, in die sich immer weiter auffächernden virtualisierten Erfahrungsumgebungen die, die neuen Medien bereithalten.</p>
<p style="text-align: left;">Eine Ikonografie und Bildgeschichte der anonymen Tötung aus der Luft</p>
<p style="text-align: left;">Zurück zum Beispiel des in Friedemann Ebelts Beitrag verhandelten Videos von der Tötung der vermeintlich Unschuldigen Personen durch den Kampfhubschrauber der US-Streitkräfte. Wie mein Eingangs präsentiertes Zitat zeigt, haben wir in unserem „kollektiven kulturellen Gedächtnis“ bereits mindestens ein Beispiel für den ungestümen Einsatz von Kampfhubschraubern auf einer fiktionalen Ebene. Sowohl eine Ausarbeitung der Ikonografie und der Bildgeschichte der anonymen Tötung aus der Luft und im speziellen, der totbringende Einsatz durch High-Tech Kampfhubschrauber alleine im Nordamerikanischen Kino, würde zahllose weitere Beispiele hier zu Tage fördern (Airwolf, Rambo, Platoon, Der Krieg des Charly Wilson etc.). Eine Erfassung von Videoformaten mit vergleichbarem Inhalt aus den verschiedenen Bereichen des World Wide Web, würde ebenso eine schwer quantifizierbare Aufgabe (eine einmalige Eingabe des Begriffs „Kampfhubschrauber“ ergab bei der Google-Videosuche bereits über 200 Resultate).</p>
<p style="text-align: left;">Das Privileg der von der Realität enthobenen Bilderkreisläufe</p>
<p style="text-align: left;">Die Frage die sich daraus ergibt ist: wieviele Menschen könnten sich hier einfinden, die von all diesen Dingen aus ihrer eigenen persönlichen Erfahrung heraus berichten könnten? Und damit möchte ich keineswegs den Umstand verharmlosen, dass viele Menschen auf dieser Welt täglich ihr Leben lassen in bewaffneten Konflikten und Kriegen. Doch wie Friedemann bereits erkannte, finden diese Umstände und deren Bilder davon zu aller erst in einer Umgebung statt, die sich eben nicht an dem Ort abspielen, in denen wir sie konsumieren und betrachten. Wir rezipieren diese Bilder die für die meisten Betrachter (außer den direkt Betroffenen und deren Verwandten, Angehörigen, Freunden, Kollegen und Familien) aus einer Perspektive in der diese Bilder lediglich Bilder „von einer virtuellen Welt sind“ an der wir keinen realen Bezug und Anteil mehr zu haben scheinen. Und hierin liegt das bereits im ersten Teil dieser Kolumne bereits angeführte Privileg von den enthobenen Bilderkreisläufen der westlichen Welt. Wir tragen unsere Konflikte, Kriege, Tötungen fort in eine Welt die weit genug entfernt zu sein scheint, dass wir sie als lediglich virtuell wahrnehmen können. Diese Front wird verteidigt bis zur letzten Patrone und letzten Cruise-Missile. Es bleibt ein Wink des Schicksals, wenn nicht sogar der schrecklichen Ironie, dass unter den Opfern dieser Szenerie wohl auch Journalisten waren. Manifestierte Repräsentanten der „alten (Bild)Weltordnung die noch in der unwirklich gewordenen Wirklichkeit nach den wahren Abbildern des „dort Draußen“ fahnden. Sie machten hierbei die schmerzliche Erfahrung, ganz genau wie alle anderen Beteiligten und Opfer des realen Krieges und der Zerstörung, dass die Welt ein tatsächlich gefährlicher Ort sein kann, in dem ein bloßes Betrachten vom „Leiden der Anderen“ reine Fiktion ist und ein gewaltiger Akt der arroganten Imagination sein muss, der pervertierter nicht sein kann. Die Frage scheint auf diese Weise einhellig beantwortet zu sein, ob wir nach derzeitigem Stand wirklich in der willentlichen Position sind, emanzipatorisch tätig zu werden, alle „Anderen“ in die Kreisläufe der westlichen Bildkonjunkturen aufzunehmen.</p>
<p style="text-align: left;">Im nächsten Teil der Kolumne stelle ich mich der Frage ob und wie die westlichen Bildkonjunkturen in der Lage sind, die anderen, die primitiven, die fremden Bilder am Ort ihres Entstehens zu verändern, zu manipulieren, zu verdrängen oder gar zu beseitigen.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Verwendete Literatur</p>
<p style="text-align: left;">Belting, Hans: <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3770534492?ie=UTF8&amp;tag=ethnologiestu-21" target="_blank">Bild-Anthropologie</a>: Entwürfe für eine Bildwissenschaft / Hans Belting. – München: Fink, 2001.</p>
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		<title>Das Leiden anderer betrachten: „Come on, let us shoot!“</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Apr 2010 14:35:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Friedemann Ebelt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[collateral murder]]></category>
		<category><![CDATA[Irak 2007]]></category>
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		<category><![CDATA[WikiLeaks Video]]></category>

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		<description><![CDATA[http://www.collateralmurder.com/ Amy Goodman im Gespräch mit Julian Assange Es ist perfide über diese Aufnahmen zu schreiben, weil die Gefahr groß ist, diese grausamen Bilder falsch zu interpretieren, voreilige Urteile zu fällen und pauschale Feindbilder zu erschaffen. Jedes Kommentieren der Bilder ist gewollt oder ungewollt ein Beitrag zu einer medialen Unterhaltung, in der &#8216;Krieg&#8217; und &#8216;Mord&#8217; [...]


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<p style="margin-bottom: 0cm"><a href="http://www.democracynow.org/2010/4/6/massacre_caught_on_tape_us_mili" target="_blank">http://www.collateralmurder.com/</a></p>
<p><!-- 		@page { size: 21.59cm 27.94cm; margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --><a href="http://www.democracynow.org/2010/4/6/massacre_caught_on_tape_us_mili" target="_blank">Amy Goodman im Gespräch mit Julian Assange</a></p>
<p style="margin-bottom: 0cm">
<p style="margin-bottom: 0cm">
<p style="text-align: justify">Es ist perfide über diese Aufnahmen zu schreiben, weil die Gefahr groß ist, diese grausamen Bilder falsch zu interpretieren, voreilige Urteile zu fällen und pauschale Feindbilder zu erschaffen. Jedes Kommentieren der Bilder ist gewollt oder ungewollt ein Beitrag zu einer medialen Unterhaltung, in der &#8216;Krieg&#8217; und &#8216;Mord&#8217; Schlagworte sind, die Erfolg in einer Aufmerksamkeitsökonomie versprechen.</p>
<p style="text-align: justify"><a href="http://www.collateralmurder.com/" target="_blank"><img class="alignright size-medium wp-image-314" src="http://www.wildes-denken.de/wp-content/uploads/2010/04/let_us_shoot_klein_00_08_09-300x218.jpg" alt="" width="261" height="189" /></a>Nichts ist bequemer und moralisch befriedigender, als eine kontroverse politische oder wissenschaftliche Diskussion über dieses Material aus sicherer Entfernung zu führen. Ein Einklinken in das kurzfristige Aufmerksamkeitshoch, das von der politischen Brisanz und menschlichen Grausamkeit der Aufnahmen genährt wird, widerspricht einer kritischen und vor allem selbstkritischen Auseinandersetzung mit Schuld im Krieg. Dennoch müssen Geistes- und Sozialwissenschaften zu dieser Diskussion etwas sagen, weil in ihr die Haltung der Gesellschaft zu Gewalt, Krieg und Militär ausgehandelt wird. Es geht darum zu verhindern, dass Gewalt, egal von wem sie ausgeht, als Konfliktlösung interpretiert und gerechtfertigt wird.</p>
<p style="text-align: justify"><span id="more-313"></span></p>
<p style="text-align: justify">Dabei ist es nicht möglich, dieses Video zu diskutieren, ohne sich selbst Voyeurismus und Anmaßung vorzuwerfen und die eigene Interpretation kritisch zu hinterfragen. Aber genau das geschieht zu selten, wenn Schüsse mit Schlagzeilen reflexiert werden. Dahinter verbirgt sich die große Gefahr einer einseitigen und verkürzten Interpretation eines Krieges, die lediglich eine politische Agenda unterstützt aber wichtige Probleme übersieht. Zum Beispiel die Frage, die sich stellen muss, wer die Aufnahmen der Bordkamera gesehen hat: Was hat das mit mir zu tun?</p>
<p style="text-align: justify">
<p style="text-align: justify">Was kann über die gesagt werden, die das<em> „Leiden anderer betrachten“ </em>(S.Sontag) und das Verhalten ihrer Peiniger interpretieren und verurteilen?</p>
<p style="text-align: justify">Ich denke, die Aufnahmen sind Teil eines ganzen Netzes von verurteilenden Interpretationen.</p>
<p style="text-align: justify">George Bush und seine Regierung haben den Irak als Bedrohung für die westliche Welt interpretiert und daraufhin den Irak und die U.S.A. zu einem Krieg verurteilt. In den Aufnahmen der Bordkanone interpretieren die Soldaten die Menschen am Boden als bewaffnete Teilnehmer in einem Gefecht und verurteilen sie mit einem Angriff aus der Luft. Medien interpretieren das Verhalten der Hubschrauberbesatzungen entweder im Kontext eines &#8216;normalen Kriegsalltags&#8217; (<a href="http://www.newsrealblog.com/2010/04/06/supporting-the-decision-of-the-soldiers-in-the-wikileaks-video/" target="_blank">NRB</a>) oder eines &#8216;unmenschlichen Gewaltexzesses&#8217; (<a href="http://www.jungewelt.de/2010/04-07/063.php" target="_blank">JW</a>). Die U.S. Soldaten werden entsprechend entweder als ordentlich reagierende Militärs oder als skrupellose Mörder verurteilt. Mit einiger Sicherheit werden diese Interpretationen illegitim verallgemeinert und das Verhalten und &#8216;<em>die</em> Mentalität <em>der</em> Amerikaner&#8217; wird als &#8216;feige&#8217;, &#8216;imperialistisch&#8217; oder &#8216;aggressiv&#8217; verurteilt.<br />
Hauptsächlich wird eine editierte, 17 minütige Videoaufnahme diskutiert. Den Aufnahmen der Bordkamera wurden mit Zugabe von Texten, Fotos, Pfeilen, Untertiteln, Vergroesserungen, Wiederholungen und Schnitten dramaturgisch bearbeitet. Im Abspann werden jeweils ein creative director, story development, visual editor und producer genannt, die das Material dramaturgisch bearbeitet haben. Besonders deutlich ist die wiederholte Szene ab 00:15:54. Ein Mann öffnet die seitliche Schiebetür des Autos, mit welchem mindestens ein Verwundeter abtransportiert werden soll. Ein digitaler Zoom fasst die Rettungsaktion näher, als im Material davor. Zwei Pfeile und ein Hinweis, dass sich in dem Auto zwei Kinder befinden erscheinen. Funkspruch: „I try to get permission to engage, come on let us shoot“. Zwei Männer nehmen den Verletzten vom Gehweg auf. Sie tragen ihn vorn um das Auto herum in Richtung der offenen Tür. Beim sehen ist sofort antizipierbar was folgt: die tödlichen Schüsse aus den Hubschraubern durchschlagen das Auto in dem die Kinder sitzen. Diese antizipierte Zoom-Einstellung der einschlagenden Kugeln lässt ein grauenhaftes Bild vor dem inneren Auge entstehen. Doch statt der Schüsse folgt eine Schwarzblende und ein Zitat von Ahmad Sahib.</p>
<p style="text-align: justify">Das heißt, das Material wurde in verschiedener Hinsicht editiert und ihm wurde eine Aussage eingeschrieben, es wurde also auf die Verbreitung und Interpretation im Internet vorbereitet. Erreicht WikiLeaks damit eine wirkungsreiche, notwendige Berichterstattung, die das etablierte Mediensystem nicht gewährleistet? Das Medium ist die Botschaft. (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Marshall_McLuhan" target="_blank">Marshall McLuhan</a>)</p>
<p style="text-align: justify">
<p style="text-align: justify">Susan Sontag schreibt in <em><a href="http://www.lyrikwelt.de/gedichte/sontagg2.htm" target="_blank">Das Leiden anderer betrachten</a>:</em></p>
<p style="text-align: justify;padding-left: 60px"><span style="color: #000000">„Das Fernsehen, dessen Zugang zum Schauplatz durch staatliche Kontrolle und Selbstzensur beschränkt ist, serviert den Krieg in Gestalt von Bildern. Aber auch der Krieg selbst wird soweit wie möglich aus der Distanz geführt – durch Bombenangriffe, deren Ziele dank der neuen Technologien zur blitzschnellen Informations- und Bildverarbeitung auf einem anderen Erdteil ausgewählt werden können: Die täglichen Bomberoperationen in Afghanistan Ende 2001 und Anfang 2002 wurden vom amerikanischen Central Command in Tampa, Florida, gesteuert. Das Ziel besteht darin, dem Feind hinreichend schmerzhafte Verluste zuzufügen und gleichzeitig seine Möglichkeiten zu minimieren, den eigenen Kräften überhaupt Verluste zuzufügen; amerikanische und verbündete Soldaten, die bei Fahrzeugunfällen oder durch Beschuß aus den eigenen Reihen, sogenanntes »friendly fire«, umkommen, zählen und zählen zugleich auch nicht. Auch in der Ära des ferngelenkten Krieges gegen die unzähligen Feinde der amerikanischen Macht werden noch Regeln darüber aufgestellt, was die Öffentlichkeit sehen darf und was nicht.“</span></p>
<p style="text-align: justify">
<p style="text-align: justify">Damit Krieg einen Nachrichtenwert in unserem Mediensystem erhält und Aufmerksamkeit erweckt, muss er personalisiert und konkretisiert werden. Die Bearbeitung des Materials versucht in die Bilder den Faktor Mensch hineinzubringen, die die moderne Kriegstechnik mit Kameras, Messtechnik und Displays verstellt. Es ist naiv anzunehmen, dass Kriege ohne solche Vorfälle stattfindet und dennoch sind es Bilder, die das für die kurze Zeit, in denen sie in den Medien kursieren, deutlich machen.</p>
<p style="text-align: justify">Verschiedene medienkulturelle Krisen werden sichtbar. Beispielsweise existiert eine gefährliche Vorstellungen eines &#8216;entfernten, notwendigen, gerechten, sauberen und humanen Krieges&#8217;, die durch &#8216;alltägliche&#8217; Kriegsberichterstattung bestätigt, zumindest jedoch nicht widerlegt wird.</p>
<p style="text-align: justify">Der selbe Luftangriff erregte 2007 als Wort- oder Textmeldung bedeutend weniger Aufmerksamkeit. Wie wichtig ist die also die Verpackung von Inhalten in einer von Bildern dominierten und kurzlebigen Medienlandschaft?</p>
<p style="text-align: justify">Die kollektiven, gesellschaftlichen Verdrängungsmechanismen scheinen diese vom WikiLeaks-Team für eine öffentliche Diskussion bearbeiteten Aufnahmen schwieriger zu verdauen, als anders gefilterte Kriegsberichterstattung.</p>
<p style="text-align: justify">Stärker als in den Artikeln der großen tagesaktuellen Zeitungen sind es Leser-Kommentare in denen immer wieder die Frage enthalten ist, wie die Gesellschaft dieses Material verarbeiten wird:</p>
<p style="text-align: justify">
<p style="text-align: justify;padding-left: 30px"><a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/706/507858/text/" target="_blank">Kommentar von <em>Sinnfurt</em></a></p>
<p style="text-align: left;padding-left: 30px"><span style="color: #333333">„Vermutlich wird das Thema von den Amerikanern aufgearbeitet in dem Hollywood sich die Filmrechte der beiden Kinder kauft und einen Actionfilm über den Jungen dreht, der den Tot seiner Familie blutig rächt und dafür die Piloten in Amerika aufspürt. Natürlich bekommt der Film dann einen Oscar, weil er sich traut einen Iraker als Helden zu zeigen!“</span></p>
<p style="text-align: justify;padding-left: 30px">
<p style="text-align: justify;padding-left: 30px"><em><a href="http://www.heise.de/tp/blogs/foren/S-Welches-BIldungsniveau-laesst-man-hier-schiessen/forum-177342/msg-18352352/read/" target="_blank">ManagedDemocracy</a></em></p>
<p style="text-align: left;padding-left: 30px"><span style="color: #333333">„Dafür gehören eigentlich Offiziershälse gekürzt, aber Kirche und<br />
Militär stehen da wohl etwas über dem Recht, gell?“</span></p>
<p style="text-align: justify;padding-left: 30px">
<p style="text-align: justify;padding-left: 30px"><em><a href="http://www.heise.de/tp/blogs/foren/S-Heuchler/forum-177342/msg-18352288/read/" target="_blank">Loisek</a></em></p>
<p style="text-align: left;padding-left: 30px"><span style="color: #333333">„Das passiert jeden Tag. Das ist jedem klar, der sich Gedanken darüber macht. Wer den Krieg bisher ignoriert hat, dem wird es auch zukünftig egal sein. Viele werden im Schützenverein mit ihren Kameraden gegröhlt haben, am nächsten Tag auf Arbeit wurde Betroffenheit geheuchelt. Nachdem unsere Massenmedien den Fall aufgegriffen und als einmaligen Unfall heruntergespielt haben, kann der Großteil der Bevölkerung im freien Westen wieder zum Alltag übergehen und weiter Botoxbehandlungen von Prominenten im Fernsehen kosumieren. Schön, dass dieses Video zusammengeschnitten und zensiert den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hatte (schließlich muß auch der Mainstream auf sowas reagieren) und wenn man es nicht täglich senden muß, hat es auch einen gewissen Mehrwert gegenüber einer Brustvergrößerung, aber es wird sich nicht lange im Gedächtnis der breiten Masse befinden.“</span></p>
<p style="text-align: justify;padding-left: 30px">
<p style="text-align: justify;padding-left: 30px"><em><a href="http://www.heise.de/tp/blogs/foren/S-Geheimdienste/forum-177342/msg-18351712/read/" target="_blank">janste</a></em></p>
<p style="text-align: left;padding-left: 30px"><span style="color: #333333">„Beim Lesen kam mir der Gedanke, das Wikileaks eine Methode eines Geheimdienstes sein könnte, Lecks im eigenen Dienst zu identifizieren. Das was ich bisher von dort gehört habe ist zwar schlimm, aber es scheint letztlich doch beherrschbar.  Andererseits wird dort auch berichtet wie in Frankreich und Deutschland gezielt manipuliert werden soll um in der Bevölkerung mehr Zustimmung zum Krieg zu erreichen. Seltsamerweise erreicht diese Nachricht in Deutschland nicht die dieselbe Öffentlickeit, wie das Video. Für mich bedeutet das: Den Krieg schonungslos in der Öffentlichkeit darzustellen soll uns für zukünftiges Abhärten, ist also vertretbar. “</span></p>
<p style="text-align: justify;padding-left: 30px">
<p style="text-align: left;padding-left: 30px"><a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/759/507911/text/" target="_blank">Anton969: schreibt unter „Kriegskultur“</a> <span style="color: #333333">zur medialen Halbwertszeit der Aufnahmen: „Überdies demonstriert der Fall, dass verstörende Wirklichkeiten wie diese konsequent vertuscht werden, dass sie nur über Umwege (wikileaks) an die Öffentlichkeit kommen und dass die Berichterstattung in den Leitmedien selbst dann zurückhaltend ist. Gestern wurde zögerlich berichtet, heute ist das Thema medial kaum noch präsent (dass die Süddeutsche heute noch einen Artikel bringt, stellt eine Ausnahme dar; sp, zeit, faz haben nichts mehr, stattdessen geht es um die Ausstattung der Bundeswehr).“</span></p>
<p style="text-align: justify;padding-left: 30px">
<p style="text-align: justify">Ich bin wirklich sehr interessiert an Kommentaren und Meinungen zu der Frage von oben: Was gibt es zu sagen, über die, die das<em> „Leiden anderer betrachten“ </em>(S.Sontag). Mit anderen Worten: Wie urteilen wir über uns selber, die wir uns mit diesen Aufnahmen beschäftigen, über sie lesen und schreiben, sie für wichtig halten und doch irgendwie nicht wissen wie wir mit ihnen umgehen sollen. Wir als Individuen und als Gesellschaft. FE</p>
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		<title>Sündenbock Jugendamt?! &#8211; Ein Kommentar</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Mar 2010 18:06:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anne Scheschonk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Institutionen]]></category>
		<category><![CDATA[Jugendamt]]></category>
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		<description><![CDATA[Am vergangenen Samstag starb im oberpfälzischen Tischenreuth ein zweijähriges Mädchen in der Obhut ihrer allein erziehenden Mutter. Die kleine Lea litt an verschiedenen Krankheiten und hatte wahrscheinlich deshalb die Nahrung verweigert. Ein Arztbesuch hätte sie retten können, ihre Mutter ergriff jedoch nicht die Initiative. Das Mädchen verhungerte. Die 21-jährige Frau wurde festgenommen und ein Verfahren [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>Am vergangenen Samstag starb im oberpfälzischen Tischenreuth ein zweijähriges Mädchen in der Obhut ihrer allein erziehenden Mutter. Die kleine Lea litt an verschiedenen Krankheiten und hatte wahrscheinlich deshalb die Nahrung verweigert. Ein Arztbesuch hätte sie retten können, ihre Mutter ergriff jedoch nicht die Initiative. Das Mädchen verhungerte. Die 21-jährige Frau wurde festgenommen und ein Verfahren wegen Totschlags durch Unterlassen gegen sie eingeleitet.</p>
<p>Fälle von Kindstötungen und Vernachlässigungen mit Todesfolge traten in der Vergangenheit immer wieder auf. Sie lösen in der Öffentlichkeit emotional stark aufgeladene Diskussionen über die möglichen Gründe und wie sie zu verhindern gewesen wären aus. Dabei geraten vor allem die unterstützenden Hilfesysteme für so genannte „Problemfamilien“ oder „Risikoeltern“ in den Fokus der Kritik. Stimmen werden laut: Warum werden diese Familien nicht mehr kontrolliert? Wer ist schlussendlich verantwortlich für den Tod von Kindern wie Lea? Die Schuldigen scheinen schnell ausgemacht zu sein: eine zu junge, überforderte Mutter; Jugendamtsmitarbeiter, die den Aufforderungen einer Nachbarin nicht nachkamen, die Familienverhältnisse im Hinblick auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung zu klären. Und obwohl das zuständige Jugendamt mittlerweile Versäumnisse und somit eine Mitverantwortung am Tod des Mädchens eingeräumt hat, kratzen die Erklärungsversuche nur an der Oberfläche eines tiefer liegenden Problems &#8211; in der Regel sind die Hintergründe dieser tragischen Fälle von Kindesvernachlässigungen komplexer und müssen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden.<span id="more-292"></span></p>
<p>Das Problem wurzelt zum einen in einem grundsätzlichen Dilemma des deutschen Wohlfahrtstaates, der die Verantwortung für das Wohlergehen und die Fürsorge seiner Bürger und Bürgerinnen übernehmen will und gleichzeitig deren Integrität wahren muss. Der Staat schafft Strukturen, die gewährleisten sollen, dass Familien, die Hilfe bei der Versorgung und Erziehung ihrer Kinder brauchen, diese auch erhalten, so dass mögliche Kindeswohlgefährdungen ausgeschlossen sind. Das Dilemma entfaltet sich in den folgenden Fragestellungen: Wann wird Unterstützung zu bloßer Kontrolle durch staatliche Institutionen und wie viel davon kann man Familien zumuten? Wann ist ein Eingreifen durch Behörden legitim und wann stellt es eine Verletzung der individuellen Grundrechte dar? Sollte man pauschal alle Eltern kontrollieren (man denke an so überzogene Forderungen wie die Einführung eines „Führerscheins“ für Eltern)? Oder gibt es tatsächlich klar definierbare (ergo für jeden identifizierbare) Risikoeltern, bei denen Kinder per se in Gefahr sind und die besondere Betreuung, aber eben auch ein starkes Maß an Kontrolle erfahren sollten?</p>
<p>Der Staat respektive seine Institutionen respektive Menschen (!), die ja zu guter Letzt die staatlichen Vorgaben und Regelungen umzusetzen suchen, betreten einen schmalen Grat. Sie laufen stets Gefahr, bereits stigmatisierte Personengruppen zusätzlich zu stigmatisieren und so deren soziale Ungleichbehandlung zu untermauern. Ein „Paradebeispiel“ bildet die Gruppe der geistig beeinträchtigten Menschen – ihnen wird per se die Fähigkeit, Kinder zu erziehen, abgesprochen.<a href="#_ftn1">[1]</a> Aber auch arme Menschen oder Personen mit psychischen oder chronischen Krankheiten geraten schnell unter den argwöhnenden Blick von Behörden. Schlussendlich müssen jedoch Menschen über Menschen Urteile fällen, Lebensweisen und Kompetenzen bewerten, für die es keine genauen Maßstäbe gibt, Entscheidungen für andere treffen und Verantwortungen übernehmen. Und Menschen sind fehlbar – das ist keine Entschuldigung für ein Versagen mit fatalen Konsequenzen, auch möchte ich in meinen Ausführungen keine Lanze für das Vorgehen oder Nicht-Vorgehen von Jugendämtern brechen, denn die Situationen innerhalb dieser Institutionen sind häufig desolat.<a href="#_ftn2">[2]</a> Aber ich bin für einen differenzierteren Blick. Viele Faktoren spielen eine Rolle, wenn Eltern(teile) ihre Kinder vernachlässigen: unzureichende soziale Unterstützungsnetzwerke, materielle Armut oder psycho-soziale Belastungen (z.B. keine positive elterliche Autorität und/oder innerfamiliäre Gewalt im eigenen Elternhaus) sind nur einige davon.</p>
<p>Es steht mir nicht zu, Mutmaßungen darüber anzustellen, warum Leas Mutter sie nicht ärztlich versorgen lassen hat oder warum die zuständige Jugendamtsmitarbeiterin sich gegen einen Besuch bei der Familie entschied. Der Fall erinnert unsere Gesellschaft auf traurige Weise daran, dass die existierenden staatlichen Strukturen nicht ausreichen, um alle Kinder zu schützen, aber die Etablierung eines omni-präsenten „Kontrollorgans Jugendamt“ kann keine Lösung sein. Alternativen müssen den konventionellen Vorgehensmustern und Institutionen entgegengestellt werden oder sie zumindest ergänzen. Statt das Pferd von hinten aufzusatteln, indem man Familien „begutachtet“, die bereits auffällig sind, sollten junge Menschen, also die potenziellen Mütter und Väter der Zukunft, stark gemacht werden, damit sie ihre Kinder ausreichend versorgen können oder zumindest wissen, wo sie (jederzeit) Unterstützung bekommen können. Kinder zu schützen ist nicht die Aufgabe einer einzelnen Institution, sondern die der gesamten Gesellschaft. Im Fall von Leas Mutter hat sie versagt.</p>
<hr size="1" /><a href="#_ftnref">[1]</a> In Untersuchungen von Gerichtsakten zu Sorgerechtsfällen in Australien und Großbritannien, in denen über eine Fremdplatzierung des Kindes entschieden wurde, fand man eine offensichtliche Ungleichbehandlung von Eltern mit geistiger Behinderung heraus (McConnell et al. 2000; Booth et al. 2005). Die Ergebnisse zeigten, dass die Kinder mit geistig behinderten Eltern in der Regel schneller, aufgrund geringfügiger Ursachen und für einen längeren Zeitraum aus den Familien genommen wurden, als dies bei Familien ohne geistig behindertes Elternteil der Fall war. Es ist davon auszugehen, dass auch in Deutschland so geurteilt wurde.</p>
<p><a href="#_ftnref">[2]</a> In meiner Forschung zu Elternschaften von Menschen mit geistiger Behinderung habe ich selbst Vorfälle von behördlicher Willkür beobachtet, die für die betroffenen Familienmitglieder sehr traumatisch waren.</p>
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		<title>Bildkonjunkturen &#8211; Unterwegs auf den Schnellstraßen des Ikonischen (Teil I)</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Feb 2010 17:58:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Müller</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Bilder]]></category>
		<category><![CDATA[Meinungsfreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[soziale Ordnung]]></category>

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		<description><![CDATA[Manchmal lohnt es sich doch ein wenig genauer hinzuschauen. Bilder haben Konjunktur, Bilder repräsentieren Konjunkturen, Bilder sind Repräsentanten ideologisch, politischer Konjunkturen. Sie lassen sich mobilisieren und auf Reisen schicken an Orte an denen sie Sogwirkungen und Spiralen, manchmal infernalische Strudel auslösen können, die eine Gesellschaft an den Rand ihrer funktionalen Ordnungen zu bringen drohen. Der Karikaturenstreit bleibt in aller Munde, ein Indiz dafür, dass die Bilder etwas anrichten, wenn sie zum darüber Reden und vor allem zum Handeln animieren.


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Manchmal lohnt es sich doch ein wenig genauer hinzuschauen. Bilder haben Konjunktur, Bilder repräsentieren Konjunkturen, Bilder sind Repräsentanten ideologisch, politischer Konjunkturen. Sie lassen sich mobilisieren und auf Reisen schicken an Orte an denen sie Sogwirkungen und Spiralen, manchmal infernalische Strudel auslösen können, die eine Gesellschaft an den Rand ihrer funktionalen Ordnungen zu bringen drohen. Der Karikaturenstreit bleibt in aller Munde, ein Indiz dafür, dass die Bilder etwas anrichten, wenn sie zum darüber Reden und vor allem zum Handeln animieren. In den westlichen Gesellschaften argumentieren wir gerne mit dem obersten Gebot der Presse- und Meinungsfreiheit und vergessen dabei scheinbar im Kollektiv den Umstand, dass eine gesellschaftlich, institutionalisierte und in die Welt getragene Meinungsfreiheit auch immer deren heimische Weltanschauung und Moralvorstellung transportiert. Es geht hierbei nicht darum, die wertvollen weil mit nichts aufzuwiegenden Potentiale von Minderheitsmeinungen in Abrede stellen zu wollen. Vielmehr ist zu betonen, dass westliche Medienindustrien und Bilderdistribuierungsinstanzen, Presse- und Meinungsfreiheit hin oder her, vornehmlich gern ein exklusives Package von Mehrheitsmeinungen und Bildern mit kleinem Umfang in Umlauf bringen und fluktuieren lassen.<span id="more-243"></span></p>
<p>Wie diese Mehrheitsmeinungen entstehen, würde von hier aus zu weit führen, ein kurzes Beispiel sei jedoch genannt: Friedliche Revolutionen haben in Deutschland Konjunktur, wie der Medienspiegel aus dem Jahr 2009 eindrucksvoll aufzeigt. Aus einem historisch, beschrittenen Pfad für das Eigene, ist eine Meinungs-, Themen- und Bilderkonjunktur entwachsen, die sich nun auch überträgt auf das Fremde, das Entfernte und das Andere. Der leise Abgang der Orangenen Revolution oder die schwellende Opposition in Iran, sie wecken deutsch-deutsche Begehrlichkeiten. Wir wollen sagen: &#8220;Tut es uns gleich, seid so erfolgreich wie wir es damals waren. Als wir aufbrachen in eine neue gesellschaftliche Ordnung die vor allem Wohlstand und Angliederung offerierten, in das fluktuierende System freier Meinungs- und Bildkonjunkturen.“</p>
<p>Es sind andererseits aber auch Instanzen der Ordnungserhaltung, der Bestätigung, dass das freie Fluktuieren der Bilder und ihnen immanenten Meinungen der einzige Weg sind, unsere westliche Mehrheitsgesellschaft zu erhalten. Die Ränder an denen die abartigen, die bösen und die schlechten Bilder fluktuieren sind die Grenzen unserer gesellschaftlichen Ordnung. Wenn eine junge Frau dabei gefilmt wird, wie sie vermutlich getroffen von einem ballistischen Geschoss zu Boden sinkt und ihr die letzten Lebensgeister entweichen, dem Blick die Todesstarre einkehrt. Dann sind wir an den abgebildeten Orten angelangt die wir nicht sehen wollen aber müssen, um zu begreifen, dass wir diese Raumzeiten längst hinter uns gelassen haben. Den Armen, den Kranken, den Unterdrückten und den Verfolgten bleiben jedoch nur diese schockierenden Bilder des Dokumentarischen, als einzige Chance um aufmerksam zu machen auf das ihrige Elend. Nur mit diesen bösen, schrecklichen Bildern sind sie in der Lage, in unsere Kreisläufe von außen einzudringen. Wir hingegen können in Umlauf bringen wonach es uns beliebt. Piktorale Verkürzungen und unwahre, als fiktiv klassifizierte und somit geschützte und gesiegelte Harmlosigkeiten die im Kern nichts weiter sind als Degradierungen die Provokation evozieren. Der lässig, feuilletonistische Blick und Zugang zur Welt erlaubt es uns, ins Blickfeld zu rücken, wonach es uns beliebt. Diesen gesellschaftlichen Zustand zu erreichen, dafür haben wir lange gekämpft. Und weil wir im Insgeheimen wissen, wie hart und vor allem zufallsbestimmt dieser Kampf in Wirklichkeit war, glauben wir zu wissen, dass auch alle anderen nichtwestlichen Gesellschaften das Verlangen haben, diesen gegenwärtigen Zustand endlich erreichen zu können.</p>
<p>Doch ist dem so? Bedeutet der Wunsch nach Wohlstand und Freiheit auch den gleichzeitigen Wunsch nach einer freien Fluktuation der Bilder? Bestehen nicht auch Skepsis und Zweifel? Besteht nicht vor allem vielerorts ein tabuisierter, geschützter Blick auf die Bilder? Beruhen nicht oftmals, ganze gesellschaftliche Ordnungen auf dem Prinzip unterdrückter oder zumindest nicht frei verfügbarer Bilder? &#8221;Unreine&#8221; Bilder sollten vielleicht gar nicht so frei fluktuieren dürfen, wie man diesseits gemeinhin annimmt.</p>
<p>Vor allem der menschliche Körper hat sich im Kontinuum der fluktuierenden Bilder nachweislich bis zur Unkenntlichkeit dekonstruieren und brechen lassen, ohne dass man ihn besser verstehen, oder im übertragenen Sinne &#8220;begreifen&#8221; würde. Den Vertretern der westlichen Welt hierbei eine höhere Bildkompetenz im Bezug auf Körperdiskurse zuzuschanzen, nur weil sie dem Körper in all seinen Brechungen und Öffnungen mehr Bilder und Abbilder gegenüberstellt haben, bleibt gefährlich. Bis ins Pervertierte entseelt und bis zur Unkenntlichkeit deklinierte Körperabbildungen und Bebilderungen erzeugen keinen höheren moralischen Wert ihnen gegenüber. Bilder, desto detaillierter sie sind, erzeugen im Gegenteil vielmehr, einen moralischen Ballast den man so leicht nicht mehr abgeschüttelt bekommt. Gerade auch dann nicht, wenn eine freie Fluktuation die gewünschte Ordnungsinstanz sein soll, die man ihnen gewährt. Genau dazu dienen Tabus, als Schutz vor einer gesellschaftlichen Isolation und Ächtung. Der Weg in die Unabhängigkeit war verlockend, hart und steinig. Der Erhalt eben dieser Ordnung ist es ebenso. Der Preis den wir zahlen ist der, einer konstitutiven Abschottung von einer Welt, der nicht frei fluktuierenden Bilder. Wir führen mit unserer vermeintlichen Freiheit deshalb einen Bilderkrieg oder besser gesagt, einen mit Bildern bewaffneten Konflikt zum Erhalt unserer eigenen systemischen Ordnung. Wir denken mit Vereinnahmung und hinterhältiger Schmeichelei denen gerecht zu werden, die offensichtlich unfrei sind. Dass wir dabei scheinbar gar nicht die Absicht hegen ihnen zum Aufstieg in unseren elitären Zirkel zu verhelfen, soll beim nächsten Mal näher erläutert werden.</p>
<p>Der obige Artikel ist auch auf dem Blog des Autors <a href="http://larue-dystopie.blogspot.com/">Kissing und Blankets</a> erschienen.</p>


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		<title>Die Show vor dem Körperscanner. Warum Scannen und nicht Ausziehen?</title>
		<link>http://www.wildes-denken.de/2010/01/die-nacktscan-performance-podcast/</link>
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		<pubDate>Mon, 25 Jan 2010 10:09:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Friedemann Ebelt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft & Technik]]></category>
		<category><![CDATA[Bildkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Körperscanner]]></category>
		<category><![CDATA[Nacktscanner]]></category>
		<category><![CDATA[Personenscanner]]></category>
		<category><![CDATA[Überwachung]]></category>

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		<description><![CDATA[Jetzt Podcast anhören/Download Beim Körperscannen treten die Reisenden vor eine Kamera. Die Scankamera verwandelt sie zu Schauspielern. Das Sicherheitspersonal und Hinweisschilder zeigen, welche Posen eingenommen werden müssen, damit der Scan sichtbar macht, was Terroristen verbergen wollen. Diese Regieanweisungen führen dazu, dass in dem Scanner immer und immer wieder die selben Szenen von verschiedenen Menschen gespielt [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://www.wildes-denken.de/wp-content/uploads/2010/02/KoerperscanShow_Febr2010.mp3">Jetzt Podcast anhören/Download</a><a href="http://www.wildes-denken.de/wp-content/uploads/2010/02/KoerperscanShow_Febr2010.mp3"></a></strong></p>
<p><!-- 		@page { size: 21.59cm 27.94cm; margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } -->Beim Körperscannen treten die Reisenden vor eine Kamera. Die Scankamera verwandelt sie zu Schauspielern. Das Sicherheitspersonal und Hinweisschilder zeigen, welche Posen eingenommen werden müssen, damit der Scan sichtbar macht, was Terroristen verbergen wollen.</p>
<p>Diese Regieanweisungen führen dazu, dass in dem Scanner immer und immer wieder die selben Szenen von verschiedenen Menschen gespielt werden. Kann eine falsche Pose verräterisch sein?</p>
<p>Es sind verschieden Bilder, die beim Fotoshooting der Generation optische Aufklärung gemacht werden. Die letzte Gerätegeneration kann gestochen scharfe dreidimensionale Darstellungen des nackten Körpers erzeugen, wenn ein Mensch vor der Kamera vorbeiläuft.</p>
<p>Die Kamera sieht den Körper, der Körper sieht die Kamera nicht. Wer sieht die Bilder und wo befindet sich das Publikum, für das diese Aufnahmen gemacht werden?</p>
<p>In der ersten Zuschauerreihe sitzt das Sicherheitspersonal am Flughafen und bestaunt die Show auf einem Bildschirm als Liveübertragung. Wenn diese mit einem <em>IPhone</em> abfotografiert wird, kann das Scanbild als Video seine Internet-Karriere auf <em>Youtube</em> beginnen. Wird dieses Bild an eine elektornisch Personalakte angehängt, wie in Deutschland der <a href="http://www.netzpolitik.org/2010/monitor-wissen-ist-macht-die-datenkrake-elena/" target="_blank">ELENA</a> Dateien, wird das Bild in Zukunft die Biografie des Körpers bestimmten, der vor der Kamera vorbeilief.<span id="more-217"></span></p>
<p>Der Scan, also der Beweis der Unschuld und Gefahrlosigkeit wird zu einer Akte, die unser Leben lenkt. Nicht mehr Gott ist zuständig für die Vorherbestimmung des Schicksals, sondern ein  Sicherheitsueberwachungsapparat der Gesellschaft übernimmt das.</p>
<p>Zur Show vor dam Scanner gehört es das Publikum zu überzeugen Unschuldig und Normal zu sein. Wer optische von der Masse abweicht, wer etwa Geschlechtsmerkmale von Mann und Frau besitzt und damit vor die Kamera tritt gibt seine„Deformation“ preis und, läuft Gefahr von einem anonymen Publikum ausgelacht zu werden.</p>
<p>Wer beim Abtasten der Kamera den Stinkefinger entgegenstreckt, um auszudrücken, sich in seiner Privatheit gestört zu fühlen, zieht damit ein Verdachtsmoment auf sich.</p>
<p>Der Filmemacher <a href="http://www.farocki-film.de/" target="_blank">Harun Farocki</a> könnte aus diesen operationalisierten Bildern, so bezeichnet er Bilder die automatisch von Geräten erstellt werden, einen Film montieren, vielleicht um die Gesellschaft beim beobachten zu beobachten.</p>
<p>Was denken Menschen während ihre Körper gescannt werden um herauszufinden, was in ihren Köpfen geschieht? Werden sie anfangen auf Flughäfen immer den Bauch einzuziehen oder besonders gerade gehen? Für die Show.</p>
<p>Zum vollständigen Scanfilm fehlt aber noch Ton. Der Körperscanstummfilm bekommt mit der Diskussion um Terrorismus, Intimität, Privatheit und Sicherheit einen entsprechenden Soundtrack. In Zukunft könnte auch ein sprachlicher Lügendetektor den Film vertonen.</p>
<p>Trotz aller Schwarzmalerei entscheiden sich die Passagiere lieber für den Körperscanner als für das persönliche Abtasten. Woran liegt das?</p>
<p>Vielleicht hat das Publikum bereits anderswo gelernt zu Posieren. In einer Gesellschaft in der Menschen vor TV Kameras zu Idolen werden ist die Kamera unser Freund. Bilder sind unsere Visitenkarten. Dann geht es darum, dass schöne Bilder entstehen, die alle beteiligten zufrieden stellen und allen die Flugangst nehmen.</p>
<p>Die Sicherheitsindustrie argumentiert und Teile der Öffentlichkeit pflichten ihr bei, dass es an Flughäfen erforderlich ist, Menschen nackt zu betrachten.</p>
<p>Weil eine direkte Betrachtung nackter Tatsachen wahrscheinlich von den meisten Menschen nicht akzeptiert wird, wurde der Körperscanner gebaut. Körperscanner sind eine Technologie zur Umgehung eines kulturellen Tabus auf Basis unserer Bildshowkultur.</p>
<p><strong>Musik:</strong> Zwei Opensource Tracks:</p>
<p>1. Forrrce: “Keep on Dancin’” (mp3) auf http://music2ten.com/category/electronic-music/</p>
<p>2. Venus Gang: „Loves to Fly“ http://superfan2009.com/category/instrumental-music/</p>
<p><strong>Links:</strong></p>
<p>Koerperscan Kontra: <a href="http://www.nacktscanner.org/" target="_blank">http://www.nacktscanner.org/</a></p>
<p>Nacktscan Pro: http: <a href="http://www.l-3com.com" target="_blank">http://www.l-3com.com</a></p>
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		<title>Scanne mich, denn es ist hübsch! &#8211; Über Nacktscanner</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 13:49:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Schräpel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft & Technik]]></category>
		<category><![CDATA[Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Bilder]]></category>
		<category><![CDATA[Bildkultur]]></category>
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		<category><![CDATA[Nacktscanner]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir leben in einer Welt voller Bilder. Zugegeben das ist keine neue Aussage und sie ist noch nicht einmal besonders aufregend. Und doch kann sie helfen um die aktuelle Diskussion um Nacktscanner um einige Punkte zu erweitern. Irgendwann Anfang der 1990er Jahre wurde in den Sozialwissenschaften die ikonische Wende ausgerufen (pictorial turn). Diese Wende weißt [...]


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<li><a href='http://www.wildes-denken.de/2010/01/die-nacktscan-performance-podcast/' rel='bookmark' title='Die Show vor dem Körperscanner. Warum Scannen und nicht Ausziehen?'>Die Show vor dem Körperscanner. Warum Scannen und nicht Ausziehen?</a></li>
<li><a href='http://www.wildes-denken.de/2009/12/was-soll-das/' rel='bookmark' title='Über diesen Blog'>Über diesen Blog</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir leben in einer Welt voller Bilder. Zugegeben das ist keine neue Aussage und sie ist noch nicht einmal besonders aufregend. Und doch kann sie helfen um die aktuelle Diskussion um <a href="http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,586083,00.html" target="_blank">Nacktscanner</a> um einige Punkte zu erweitern.</p>
<p><img class="alignright" title="Nacktscanner" src="http://www.wildes-denken.de/wp-content/uploads/2010/01/Nacktscanner-300x255.jpg" alt="" width="300" height="255" /></p>
<p>Irgendwann Anfang der 1990er Jahre wurde in den Sozialwissenschaften die ikonische Wende ausgerufen (pictorial turn). Diese Wende weißt auf das Aufkommen einer visuellen Kultur hin, die immer wieder mit der Entwicklung bildgebender Technologien (Foto, Film, Röntgenaufnahmen) historisch skizziert wird. Visualisierungen durchdringen heute beinahe jeden Bereich von Gesellschaft. Längst haben wir gelernt Bilder im Alltag auf eine bestimmte Weise zu lesen. Wird der Begriff auf alle Visualisierungsformen erweitert, also auch auf Diagramme, Karten, Symbole oder Modelle bemerken wir schnell, dass Bilder eine große Menge an Wissen in unseren Alltag tragen. In der Werbung wird dies gegen uns angewendet. Längst weiß man dort welche Wirkung Visualisierungen auf Wahrnehmung und Wissenstransfer haben. Aber auch der Erfolg von Webseiten wie <a href="http://www.youtube.com" target="_blank">youtube</a> oder <a href="http://www.flickr.com">flickr</a> lassen erahnen wie wichtig die Wissenskommunikation über Bilder geworden ist. Freilich hat dieser Prozess verschiedene Auswirkungen auf unsere soziale Praxis. In der Medizin wendet sich der ärztliche Blick vom Körper der Patienten auf die Monitore, wir entdecken unbekannte und ferne Plätze durch Reportagen und Bilder im Fernsehen und wir produzieren eben auch Geräte die angeblich zu unseren eigenen Sicherheit durch unsere Kleidung sehen kann. <span id="more-146"></span>Jetzt könnte man behaupten, dass diese Beispiele nicht zusammen gehören und doch sind sie Produkt unserer Bilderwelt. Wir haben eine merkwürdige Wahrheit in die Visualisierungen unserer Welt gesteckt. In der Tat sind Bilder zum großen Teil Träger komplexen Wissens. Über die Bildlichkeit wird es möglich diese Komplexität zu transportieren. Ein ganzer Kontinent mit all seinen Gebirgsketten, seinen Megastädten und Wäldern passt auf ein Blatt Papier, das wir in die Tasche stecken können. Das ist die eine Seite. Die andere, und diese wird scheinbar zu wenig beachtet, ist was aus diesen Bildern wird. Ich kann die beschrieben Karte nutzen um mich auf dem Kontinent zu navigieren, weiß ich doch sofort wo große Gebirgsmassive mir den Weg versperren. Ich kann diese aber auch benutzen um Grenzen zu ziehen, Kriege zu planen oder Straßen zu bauen. Aus der Karte wird ein Instrument, dessen Tragweite nicht so einfach abzumessen ist.</p>
<p>Nun aber zurück zu den Nacktscannern. Das Wort selbst klingt bedrohlich, greift es doch scheinbar etwas Privates in uns an: unsere Intimität. Wir haben uns daran gewöhnt auf Reisen unseren Namen frei zu geben und auch unsere Adresse, unser Gepäckinhalt und das was wir auf der Reise vorhaben. Aber eine Entblößung bis auf die nackte Haut? Hier hört die Bilderliebe auf, und danach auch gleich der Glaube in diese Bilder. Die Untersuchungen im Zuge der ikonischen Wende haben uns jedoch gezeigt dass wir diesen Bildern nicht entfliehen können. Sie sind Teil unserer Lebenswelt und drängen sich uns beinahe ungewollt auf. Wenn wir sie nicht wollen (und hier könnte eine weitere wichtige Fragen ins spielen kommen, nämlich wie Diskurse um und mit den Bildern überhaupt entstehen) müssen wir hoffen, dass es Möglichkeiten gibt sie schöner zu machen. Schön werden aber Bilder nicht wenn wir sie zensieren und auch nicht wenn wir sie bis auf die Haut entfremden. Schön werden Bilder, wenn die zweite Seite (siehe oben) allgemein akzeptiert wird. Im Falle der Nacktscanner müsste das heißen, dass wir uns alle ausziehen und sich keiner daran stört. Also! Für schöne Nacktscanns bitte einfach jetzt die Kleidung entfernen. Vielen Dank.</p>
<p><em>Leseempfehlungen</em></p>
<div id="_mcePaste">Bachmann-Medick, Doris. 2009. <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3499556758?ie=UTF8&amp;tag=ethnologiestu-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=3499556758" target="_blank">Cultural turns</a>: Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag.</div>
<div>
<div>Burri, Regula Valérie. 2008. <a href="http://rcm-de.amazon.de/e/cm?lt1=_blank&amp;bc1=000000&amp;IS2=1&amp;bg1=FFFFFF&amp;fc1=000000&amp;lc1=0000FF&amp;t=ethnologiestu-21&amp;o=3&amp;p=8&amp;l=as1&amp;m=amazon&amp;f=ifr&amp;md=1M6ABJKN5YT3337HVA02&amp;asins=3899428870" target="_blank">Doing Images</a>: zur Praxis medizinischer Bilder. Bielefeld: transcript.</div>
</div>
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